Vereinnahmung

US-Big-Tech reguliert sich jetzt offiziell selbst

Zucker­bergs Chef-Lob­by­is­tin in Euro­pa wird die Lei­te­rin der iri­schen Daten­schutz­be­hör­de. Als wäre das nicht pikant genug: Aus Niamh Sweeneys Zeit ist der Kon­zern in zwei Daten­schutz­ver­fah­ren ver­wi­ckelt, die über 1,5 Mrd. US-$ teu­er wer­den könn­ten. Doch jetzt ist die Ver­tei­di­ge­rin für die Ankla­ge zustän­dig. Ein Lehr­stück für Regu­lie­rungs­ver­ein­nah­mung, das zeigt, wie neo­li­be­ra­le Poli­tik die Digi­tal­wirt­schaft in eine „post-demo­kra­ti­sche Zone“ ver­wan­delt hat.

Über sechs Jah­re präg­te Niamh Sweeney als Public-Poli­cy-Che­fin bei Meta – dar­un­ter wäh­rend des Cam­bridge Ana­ly­ti­ca-Skan­dals – die Stra­te­gien des Kon­zerns, um Regu­lie­rung zu umge­hen. 2023, als Meta wegen ille­ga­ler Daten­über­mitt­lung in die USA mit einer Rekord­stra­fe von 1,2 Mil­li­ar­den Euro belegt wur­de, war Niamh Sweeney noch für Whats­App-Euro­pa zustän­dig – und damit maß­geb­lich an der Abwehr von Daten­schutz­vor­wür­fen betei­ligt. Doch statt Kon­se­quen­zen zu zie­hen, belohn­te Irland sie: Ab Okto­ber 2025 lei­tet sie die iri­sche Daten­schutz­kom­mis­si­on (DPC), die eigent­lich Meta kon­trol­lie­ren soll. 

Die Bilanz der Behör­de spricht Bän­de: Obwohl die DPC theo­re­tisch Mil­li­ar­den­stra­fen gegen Tech-Kon­zer­ne ver­häng­te, wur­den nur 0,6 % davon tat­säch­lich ein­ge­zo­gen. Daten­schutz­ak­ti­vist Max Schrems bringt es auf den Punkt: „Jetzt gibt man nicht mal mehr vor, EU-Recht durch­zu­set­zen.“ Ein Sys­tem, das vor­gibt, Kon­zer­ne zu regu­lie­ren, wäh­rend es ihnen in Wahr­heit die Tür zur Selbst­kon­trol­le öffnet.

Warum ausgerechnet Irland?

Irland ist längst mehr als nur eine Steu­er­oa­se – es ist das „Dreh­kreuz für Regu­lie­rungs­flucht“ der Tech-Bran­che. Wie einst bei Apple, das hier kaum Steu­ern zahl­te, nut­zen US-Kon­zer­ne wie Meta, Goog­le und Micro­soft das Land nun, um EU-Recht zu umge­hen: Die iri­sche Daten­schutz­be­hör­de ist zwar offi­zi­ell für die Durch­set­zung der Daten­schutz­grund­ver­ord­nung (DSGVO) zustän­dig, agiert aber seit Jah­ren als „Zahn­lo­ser Tiger“.

Der Grund? Wirt­schaft­li­che Abhän­gig­keit: Tech-Gigan­ten maß­geb­lich zur iri­schen Wirt­schaft­bi­lanz bei – da hat die Regie­rung kein Inter­es­se an stren­ger Regu­lie­rung. Statt­des­sen schafft sie bewusst schwa­che Insti­tu­tio­nen: Die DPC ist unter­fi­nan­ziert, per­so­nal­mä­ßig unter­be­setzt und durch „Dreh­tür­ef­fek­te“ (wie im Fall Sweeney) mit der Indus­trie ver­floch­ten. Das Ergeb­nis: EU-Recht wird auf dem Papier umge­setzt, in der Pra­xis aber aus­ge­he­belt – auf Kos­ten von Ver­brau­che­rin­nen, Ver­brau­chern und Wettbewerb.

Wie die Industrie die Kontrolle übernimmt

Regu­la­to­ry Cap­tu­re, zu Deutsch „Ver­ein­nah­mung von Regu­lie­rungs­be­hör­den“, beschreibt den Pro­zess, bei dem Behör­den, die eigent­lich die Öffent­lich­keit schüt­zen sol­len, statt­des­sen die Inter­es­sen der Indus­trie ver­tre­ten. Statt als neu­tra­le Wäch­ter zu agie­ren, wer­den sie zu Erfül­lungs­ge­hil­fen der Kon­zer­ne, die sie regu­lie­ren sollten.

Drei zen­tra­le Stu­fen der Cap­tu­re zei­gen, wie die­ses Sys­tem funktioniert:

  1. Lob­by­is­mus: Geset­ze im Sin­ne der Indus­trie.
    Tech-Kon­zer­ne beein­flus­sen aktiv die Gesetz­ge­bung – etwa durch Ver­wäs­se­rung von Regu­la­ri­en wie dem Digi­tal Mar­kets Act (DMA). Durch geziel­te Kam­pa­gnen, Finan­zie­rung von Think Tanks oder direk­te Kon­tak­te zu Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­kern, die das zulas­sen, sor­gen sie dafür, dass Geset­ze lücken­haft blei­ben oder ihre Macht sogar stärken.
  2. Per­so­nel­le Ver­flech­tung: Die Dreh­tür
    Der Wech­sel von Bran­chen­ver­tre­te­rin­nen und ‑Ver­tre­ter in Schlüs­sel­po­si­tio­nen der Auf­sicht – und umge­kehrt – ist ein klas­si­sches Mus­ter. Sol­che per­so­nel­len Ver­flech­tun­gen unter­gra­ben die Glaub­wür­dig­keit der Regu­lie­rung und schaf­fen Inter­es­sen­kon­flik­te von vornherein.
  3. Insti­tu­tio­nel­le Läh­mung: Behör­den als „zahn­lo­se Tiger„
    Selbst wenn Geset­ze exis­tie­ren, wer­den sie oft nicht durch­ge­setzt. Behör­den wie die DPC sind unter­fi­nan­ziert, unter­be­setzt oder poli­tisch blo­ckiert – und agie­ren daher wie „Schein­re­gu­lie­rer“. Statt Kon­zer­ne zu kon­trol­lie­ren, legi­ti­mie­ren sie deren Prak­ti­ken durch lasche Umset­zung oder end­lo­se Ver­fah­ren. Das Ergeb­nis: Regu­lie­rung wird zur Far­ce, wäh­rend Tech-Gigan­ten wei­ter machen, was sie wollen.

Regu­la­to­ry Cap­tu­re ist kein Zufall, son­dern ein sys­te­mi­sches Pro­blem – beson­ders in der Digi­tal­wirt­schaft, wo Macht, Kom­ple­xi­tät und glo­ba­le Ver­flech­tun­gen tra­di­tio­nel­le Kon­troll­me­cha­nis­men aushebeln.

Wie Deregulierung die Macht der Konzerne zementiert

Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien sind eine Fol­ge der Trau­ma­ta durch insti­tu­tio­nel­les Ver­sa­gen.
Insti­tu­tio­nel­les Ver­sa­gen ist eine Fol­ge der Ver­ein­nah­mung von Regu­lie­rungs­be­hör­den.
Ver­ein­nah­mung von Regu­lie­rungs­be­hör­den ist eine Fol­ge von Mono­po­li­sie­rung.
Mono­po­li­sie­rung ist eine Fol­ge des Ver­sa­gens, das Kar­tell­recht durchzusetzen.

Cory Doc­to­row

Neo­li­be­ra­le Poli­tik hat einen struk­tu­rel­len Nähr­bo­den für Regu­la­to­ry Cap­tu­re geschaf­fen – nicht durch Zufall, son­dern durch geziel­te Schwä­chung demo­kra­ti­scher Kon­troll­me­cha­nis­men zuguns­ten pri­va­ter Macht­kon­zen­tra­ti­on. Ihr zen­tra­les Dog­ma, dass Märk­te sich selbst regu­lie­ren und staat­li­che Ein­grif­fe Inno­va­ti­on hem­men, hat in der Digi­tal­wirt­schaft zu einem para­do­xen Ergeb­nis geführt: Statt frei­er, fai­rer Wett­be­werbs­märk­te sind unan­greif­ba­re Mono­po­le ent­stan­den, die die Regeln selbst diktieren.

Kon­zer­ne wie Meta, Goog­le oder Ama­zon nut­zen die neo­li­be­ra­le Rhe­to­rik vom „schlan­ken Staat“ aus, um Regu­lie­rung aktiv zu unter­lau­fen – sei es durch Lob­by­is­mus, juris­ti­sche Ver­zö­ge­rungs­tak­ti­ken oder die Beset­zung Schlüs­sel­po­si­tio­nen in Auf­sichts­be­hör­den mit eige­nen Leute.

Beson­ders per­fi­de ist die Pri­va­ti­sie­rung der Regu­lie­rung, bei der Kon­zer­ne vor­gau­keln, sich selbst zu kon­trol­lie­ren. Instru­ment wie Metas „Over­sight Board“ oder frei­wil­li­ge Ethik-Richt­li­ni­en für KI wir­ken wie demo­kra­ti­sche Kon­troll­in­stan­zen, sind aber in Wahr­heit Schein­lö­sun­gen – finan­ziert, gesteu­ert und letzt­lich macht­los gegen die Inter­es­sen der Unter­neh­men, die sie über­wa­chen sollen. 

Die Fol­ge ist eine Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung der Digi­tal­wirt­schaft: Wäh­rend Tech-Gigan­ten über Algo­rith­men, Daten­strö­me und Arbeits­be­din­gun­gen ent­schei­den, blei­ben Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, Gewerk­schaf­ten und selbst gewähl­te Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker außen vor.

Die sozia­len und wirt­schaft­li­chen Kos­ten die­ses Sys­tems sind ver­hee­rend. Inno­va­ti­on wird nicht geför­dert, son­dern erstickt, weil Start-ups gegen die Markt­macht der Platt­form­mo­no­po­le kei­ne Chan­ce haben. Statt „krea­ti­ver Zer­stö­rung“ herrscht eine krea­ti­ve Unter­drü­ckung von Wett­be­wer­bern durch Auf­käu­fe, Netz­werk­ef­fek­te und undurch­dring­li­che Ökosysteme. 

Gleich­zei­tig wer­den die nega­ti­ven Exter­na­li­tä­ten – von Daten­miss­brauch über pre­kä­re Arbeits­be­din­gun­gen in der Gig-Eco­no­my bis hin zu Steu­er­flucht – auf die Gesell­schaft abge­wälzt. Am Ende steht ein Sys­tem, das Pri­vat­ge­win­ne maxi­miert und öffent­li­che Kos­ten exter­na­li­siert. Regu­la­to­ry Cap­tu­re ist dabei kein betrüb­li­chem Neben­ef­fekt, son­dern ein logi­sches Ergeb­nis die­ser Poli­tik: ein Sys­tem, das vor­gibt, Frei­heit zu schaf­fen, aber in Wahr­heit Macht kon­zen­triert und Demo­kra­tie aushöhlt.

Gewinner und Verlierer der Regulatory Capture

Die regu­la­to­ri­sche Ein­fäng­nis in der Digi­tal­wirt­schaft schafft eine unglei­che Machtverteilung:

Es pro­fi­tie­ren vor allem Tech-Kon­zer­ne (Meta, Goog­le, Ama­zon), die ihre Mono­po­le aus­bau­en, Steu­ern spa­ren und Daten unge­hin­dert nut­zen. Lob­by­is­tin­nen und Lob­by­is­ten wech­seln zwi­schen Poli­tik und Wirt­schaft, sichern sich Ein­fluss und hohe Gehäl­ter. Wobei man sich im kon­kre­ten Fall fragt, ob man als Lei­te­rin der Daten­schutz­be­hör­de auch nur annä­hernd so gut ver­dient, wie als Mit­ar­bei­te­rin bei Meta. Aber Irland lockt mit nied­ri­gen Steu­ern und schwa­cher Regu­lie­rung Tech-Gigan­ten an, wäh­rend die USA ihre glo­ba­le Tech-Domi­nanz festigen.

Es ver­lie­ren dage­gen wir, die Nut­ze­r­en­den, (Daten­miss­brauch, Über­wa­chung), Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter (pre­kä­re Jobs, Algo­rith­men-Kon­trol­le) und klei­ne­re Unter­neh­men, die im unfai­ren Wett­be­werb unter­ge­hen. Am Ende steht die EU-Bevöl­ke­rung, deren Rech­te – wie die DSGVO – auf dem Papier ste­hen, aber nicht durch­ge­setzt werden.

Gegenstrategien: Wie demokratische Kontrolle über die Digitalwirtschaft zurückerobert werden kann

Kurz­fris­tig setzt die Gegen­wehr auf Trans­pa­renz und öffent­li­chen Druck. Orga­ni­sa­ti­on wie noyb oder netzpolitik.org machen Miss­stän­de sicht­bar und mobi­li­sie­ren Wider­stand. Juris­ti­sche Initia­ti­ven, etwa die Kla­gen von Max Schrems gegen die iri­sche Daten­schutz­be­hör­de, zwin­gen die Insti­tu­tio­nen zum Han­deln und decken sys­te­ma­ti­sche Ver­säum­nis­se auf. Gleich­zei­tig spielt inves­ti­ga­ti­ver Jour­na­lis­mus eine ent­schei­den­de Rol­le, indem er die per­so­nel­len Ver­flech­tun­gen zwi­schen Indus­trie und Behör­den aufdeckt.

Mit­tel­fris­tig müs­sen die Insti­tu­tio­nen selbst refor­miert wer­den, um ihre Unab­hän­gig­keit wie­der­her­zu­stel­len. Eine zen­tra­le For­de­rung muss sein, die Finan­zie­rung kri­ti­scher Behör­den wie der iri­schen Daten­schutz­kom­mis­si­on direkt durch die EU sicher­zu­stel­len, statt sie natio­na­ler Ein­fluss­nah­me – etwa durch Irland – zu über­las­sen. Zudem könn­ten Karenz-Rege­lun­gen ein­ge­führt wer­den, die es ehe­ma­li­gen Lob­by­is­tin­nen Lob­by­is­ten ver­bie­ten, für min­des­tens fünf Jah­re in regu­lie­ren­de Behör­den zu wechseln.

Lang­fris­tig braucht es einen tief­grei­fen­den Sys­tem­wech­sel, der die Macht der Tech-Mono­po­le bricht und digi­ta­le Infra­struk­tur demo­kra­ti­siert. Öffent­li­che Alter­na­ti­ven wie Est­lands e‑Go­vern­ment-Lösun­gen zei­gen, wie staat­li­che und gemein­wohl­ori­en­tier­te digi­ta­le Infra­struk­tur aus­se­hen kann. Ent­schei­dend ist auch die kon­se­quen­te Zer­schla­gung von Mono­po­len – etwa durch die strik­te Umset­zung des Digi­tal Mar­kets Act (DMA) und, falls nötig, Zwangs­ver­käu­fe nach dem Vor­bild der Zer­schla­gung von Stan­dard Oil im frü­hen 20. Jahrhundert.

Am Ende geht es dar­um, kurz­fris­ti­gen Pro­test mit struk­tu­rel­len Refor­men zu ver­bin­den – um die digi­ta­le Wirt­schaft wie­der unter demo­kra­ti­sche Kon­trol­le zu bringen.

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Meine Name ist Steffen Voß. Ich lebe in Kiel. In diesem Blog versammel ich Ideen und Gedanken zu Technologie und Gesellschaft.

1.453 Beiträge
641 Folgende
  1. Avatar von fIREHOSE

    @blog
    Wenn wir uns nicht zu bes­se­ren poli­ti­schen Pro­zes­sen und Ver­fah­ren durch­rin­gen kön­nen, wird es nicht bes­ser.
    #los­de­mo­kra­tie

  2. Avatar von Toni M.

    @blog

    Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

    🤦

  3. Avatar von Wolf Jäger

    Vor dem gan­zen Mist wür­de ich gern weg­ren­nen- bloß wohin???

  4. Avatar von Tobias Traut

    Und wer ist dafür ver­ant­wort­lich, dass sie in die­se Funk­ti­on beru­fen wurde?

  5. Avatar von hallunke23 🇺🇦:nona:

    Lei­der ist im Arti­kel kein Foto von der Dame ent­hal­ten. Ich bin des­halb mal so frei, das zu ergänzen:

    @blog

  6. Avatar von hallunke23 🇺🇦:nona:

    Ich fin­de, da wird der Bock zum Gärt­ner gemacht.

    Das Bild, dass ich hier zuvor gepos­tet habe, habe ich wie­der gelöscht, weil mein Account auf Blues­ky blo­ckiert wur­de. WIe ich nach grö­ße­ren Ver­ren­kun­gen habe fest­stel­len kön­nen, pas­sier­te das weni­ge Sekun­den nach dem hie­si­gen Post. Des­halb ist der Post von hier jetzt erst­mal weg.

    @blog

  7. […] Algo­rith­m­Watch nicht sicher. Genau die­ser iri­sche Daten­schutz, bei dem sich Big-Tech selbst regu­liert. Beim zwei­ten Anlauf funk­tio­niert wie­der das […]

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