Apple, Amazon, Meta, NVidia sind die Stars des Aktienmarkts. Ihre Aktien steigen und steigen. Investoren reißen sich darum. Das gibt ihnen scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten – solange der Hype hält. Der Autor und Netz-Aktivist Cory Doctorow erklärt, wie die Gelddruckmaschine bei Big-Tech funktioniert.
Wie dieser Mechanismus funktioniert, findet sich etwas versteckt in seiner Rezension von Sarah Wynn-Williams Buch „Careless People“ über ihre Zeit bei Facebook:
Zwei Unternehmen. Beide machen gleich viel Gewinn. Aber das eine wächst, das andere nicht. Bei dem wachsenden Unternehmen sind Aktien viel mehr wert. Es hat ein extrem hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Die Investoren sind bereit, viele Dollar für Aktien auszugeben, für jeden Dollar, den das Unternehmen einnimmt. Denn sie gehen davon aus, dass das Unternehmen weiter wächst und irgendwann dieses Geld auch wirklich wert ist.
Diese Überbewertung ist ein großer Vorteil für Wachstumsunternehmen. Wenn das Unternehmen Aktien verkaufen wollte, würde es Käufer dafür finden. Aktien sind damit praktisch wie Bargeld. Nur besser. Denn diese Aktien werden mehr wert. Geld meist nicht.
Aktien, besser als Geld
Big-Tech-Konzerne können jederzeit neue Aktien erzeugen. Geld dagegen muss erst verdient werden. Es kommt nur, wenn jemand anderes es ausgibt. Wachstumsaktien sind ein riesiger Vorteil: Wenn ein Big-Tech-Konzern etwas kaufen will, kann er einfach Aktien anbieten statt Dollar. Oft nehmen die Verkäufer die an – denn die Aktien sind viel wert, der Kauf macht das Unternehmen automatisch mehr wert und er verspricht weiteres Wachstum.
So können Big-Tech-Konzerne Konkurrenten überbieten, die nicht mit Hype-Aktien und dadurch nur mit echtem Geld zahlen können. Die müssen erst jemanden finden, der ihnen mehr Geld gibt. Big-Tech nicht. Die machen einfach neue Aktien. Die können sogar Top-Personal damit einkaufen. Das ist ein unfairer Vorteil – aber auch ein riskanter.
Denn: Wachstum kann nicht ewig weitergehen. Irgendwann hat jeder, der bspw. Facebook nutzen will, schon ein Konto. Dann muss das Unternehmen neue Wege finden, um Geld zu verdienen. Vielleicht durch neue Produkte wie das Metaverse oder „KI“. Oder durch Tricks, bei denen Nutzer weniger bekommen und Facebook mehr. Aber wenn das nicht funktioniert, ist das Wachstum vorbei – und die Aktie plötzlich viel zu teuer.
Wie so etwas aussieht, konnte man 2022 sehen als Meta nur ein bisschen weniger gewachsen ist als erwartet. Die Investoren haben befürchtet, dass sich das Unternehmen anfängt zu konsolidieren. Dann würde die Aktien nur noch wert sein, was das Unternehmen derzeit an Gewinnen macht. Deswegen haben sie verkauft. Die Meta-Aktien waren 250 Milliarden Dollar wenig wert – der zu diesem Zeitpunkt größte Tagesverlust eines Unternehmens in der Geschichte der Menschheit.
All aboard the Hype-Train!
Der Hype-Train darf also niemals langsamer werden. Die Konzerne müssen immer größere Versprechen machen. Wir haben das in den letzten Jahren mehrfach gesehen: Blockchain, NFTs, Augmented Reality, Apple VisionPro, Virtual Reality. Für den Virtual-Reality-Hype hat Mark Zuckerberg sogar seine Firma in „Meta“ umbenannt, um deutlich zu machen, dass das Metaverse super wichtig für die Zukunft ist. Einige dieser Hype-Technologien haben eine Nische gefunden, in der es sinnvoll eingesetzt werden kann. Aber die versprochenen großen Tech-Revolutionen haben sie nicht gebracht.
Das ultimative Versprechen dürfte jetzt die Schaffung einer Künstlichen Generellen Intelligenz (AGI) sein, die sich selbst verbessern kann und immer mächtiger wird – bis sie zu einer Art Gott-KI wird, die Lösungen für all unsere Probleme findet. Sam Altman ist Fan dieser Idee. Sein Unternehmen OpenAI arbeitet daran und er sagt, dass er dafür Billiarden von Dollar benötigt. Wenn dann GPT5 die geschürten Erwartungen nicht erfüllt, muss er GPT6 umso mehr hypen. Darum verspricht auch Elon Musk seit zehn Jahren, dass Tesla „nächstes Jahr“ vollständig autonomes Fahren erreicht.
Ein Teil des „Problems“ der Europäischen Wirtschaft ist, dass sie nicht erfolgreich in diesem Modus des „Überversprechens“ und „Unterablieferns“ arbeiten kann. Teilweise, weil es den Unternehmen kulturell nicht liegt. Teilweise, weil es ihnen der Markt nicht abnimmt. Teilweise, weil jedes Unternehmen, bevor es diese Fahrt aufnehmen kann, von Big-Tech aufgekauft wird. Dadurch aber fehlt den europäischen Unternehmen die Gelddruckmaschine, die wir bräuchten, um Alternativen aufzubauen.
Links
- Cory Docotorow: Sarah Wynn-Williams’s ‚Careless People’


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