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Helmut Dietl – „Schtonk!“ (1991)

Bild:
rbb/Bavaria Film/Rolf v. d. Heydt
Wenn das kein Klassiker ist, dann mach’ ich diesen Blog zu! Denn „Schtonk!“ ist eine fantastische Satire über einen sehr deutschen Skandal des letzten Jahrtausends, der eigentlich doch bis heute nachhallt: Über die Hitler-Tagebücher, die Medien und die deutsche Nachkriegsgesellschaft. Für mich ist das Meisterwerk von Helmut Dietl bis heute unerreicht und die Mechanismen der Medien sind fast alle noch ganz dieselben…

Schon 35 Jahre soll es her sein, dass Helmut Dietls „Schtonk!“ (1991) in die Kinos gekommen ist? Das ist mehr als mein halbes Leben! Ich kann das kaum glauben, denn nur wenige Film sind mir tatsächlich so präsent, wie diese rabenschwarze Satire, die damals vordergründig sicher unterhalten wollte – und doch immer auch so viel mehr gewesen ist. Ich verehre diesen Film, und ich verehre alle, die ihn möglich gemacht haben. Bis heute.

Denn „Schtonk!“ hat bis heute eben rein gar nichts von seiner Wucht verloren. Im Gegenteil! Über 40 Jahre nach dem Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher und 35 Jahre nach der Filmpremiere, erscheint Dietls Werk doch aktueller denn je. Die Mechanismen, die er aufzeigt – Sensationsgier, Verblendung, Verklärung –, sind alle nicht verschwunden. Sie haben sich eher noch gesteigert und verfestigt. Sie eskalieren weiter, heute eben digital und im Takt der Algorithmen.

Der Medienskandal um Konrad Kujaus plumpe Fälschungen und die Veröffentlichung durch den Stern war absolut verheerend. Für die Redaktion des Stern. Für den Journalismus in Deutschland und für das Vertrauen in die Massenmedien insgesamt. Der Stern hat sich davon nie wieder erholt – davon bin ich überzeugt. Auch wenn andere Sündenfälle folgten, größer wurde davon keiner. Vielleicht ist soviel davon noch so aktuell, weil uns dieser Skandal zum ersten Mal wirklich gezeigt hat, wie anfällig die lautesten Wahrheitsverkünder für den Reiz der Lüge sind.

Der STERN ist durch die gefälschten Hitler-Tagebücher und den Streit mit dem Verlag um die Neubesetzung der Chefredaktion zu einem Thema geworden, das in den STERN gehört. Ein sonderbares Gefühl, in eigener Sache zu schreiben. Aber in all der Hektik, dem Stress und dem Widerstand gegen Vorstandsbeschlüsse haben die STERN-Leute nicht vergessen, dass sie Journalisten sind. Sie haben aufgeschrieben, was ihnen angetan wurde und wie sie sich dagegen wehrten.

„Tage, die den Stern erschütterten“ – Original-Artikel aus stern 22/1983

Die Konsequenzen waren dramatisch: Der Rücktritt der Chefredaktion, ein massiver Glaubwürdigkeitsverlust, wirtschaftliche Turbulenzen – bis hin zum Verkauf des Magazins an RTL (Bertelsmann) viele Jahre später. Für mich war das kein Zufall, oder ökonomisches Unglück, sondern eine direkte Spätfolge. Es war die logische Konsequenz. Ein angeschlagener Ruf heilt nicht mehr.

Und zur gleichen Zeit – „zufällig“? – hat das Privatfernsehen Fahrt aufgenommen. Die Marktlogik trat ihren Siegeszug an und die Boulevardisierung hat sich selbst potenziert. „Schtonk!“ war dazu nicht nur Kommentar, sondern hellsichtige Warnung. Politisch und prophetisch. Heute ist doch wichtiger denn je, was am besten klickt.

Helmut Dietl hat das Tagebuch-Debakel zu seiner Zeit eigentlich nur als Aufhänger genommen. In Wahrheit aber blickt sein Film in den Abgrund einer Gesellschaft, die sich nie wirklich mit ihrer eigenen Geschichte konfrontieren wollte – und es bis heute nicht kann oder will. Die Gier nach Spektakel, die Lust an der Nazi-Nostalgie, der voyeuristische Zugriff auf das Grauen – das alles ist Teil der Geschichte, die „Schtonk!“ erzählt. Und es ist leider auch immer noch ein Teil unserer Gegenwart!

Die Weltgeschichte wiederholt sich nicht, sie repetiert ihre blutigen Tragödien nur als billige Komödien. Und das war ja wohl der wahre, der innerste Kern der Hitler-Tagebücherei: Sie versuchte, zum zweiten Mal und postum, aus dem Führer ein Idol, einen anständigen Kerl zu machen, sie wollte aus dem Mörder einen Menschen machen – so wie sich der Mörder seinen blinden Anhängern gern anbiederte.

„Eine Sternstunde wird verfilmt“ – 30.06.1991, DER SPIEGEL 27/1991

„Schtonk!“ ist nicht nur Satire. Es ist noch immer ein echter Schlag in die Magengrube – wahnsinnig unterhaltsam, aber auch gnadenlos in seiner Kritik. Dietl hat gezeigt, wie die Verdrängung der NS-Vergangenheit weiterwirkt. Wie sie in Medien und Köpfen fortlebt. Wie sie banalisiert und ausgeschlachtet wird, fürs schnelle Zitat, fürs große Geld. Und wer zahlt den Preis dafür? Die Demokratie. Die Wahrheit. Wir alle.

Die Debatte um „Fake News“ begann eben tatsächlich nicht erst mit dem Internet, auch wenn uns das die selbsternannten Expert:innen seit Jahren so oft glauben machen wollen. Diese Expert:innen – und ihre moderierenden Zeremonienmeister:innen in ungezählten Talkshows – tragen dafür nämlich eine Mitverantwortung. Und sie tun es im Gewand des aufklärerischen Journalismus. Ironie der Geschichte.

Was wäre denn, wenn „Schtonk!“ etwa heute spielen würde? Eine gruselige Vorstellung. Oder einfach nur eine realistische?

„Wenn ich einen Film mache, dann nur einen guten.“

Helmut Dietl, „Führers Blähungen“, 05.05.1991, DER SPIEGEL 19/1991

Nicht nur für mich hat „Schtonk!“ längst seinen Platz in der Filmgeschichte. Und Dietl hat, mit seinem Kinodebüt(!), den ultimativen Beweis geliefert, dass eine deutsche Komödie viel mehr sein kann als nur Unterhaltung. Viel mehr! Mit einem feinem Gespür für Abgründigkeit und einem schwarzen Humor, wie er in Deutschland bis dahin kaum denkbar war. Ein Meisterwerk, das bis heute meine Referenz für medienkritische Satire ist.

Die Szene der Pressekonferenz – bei der Präsentation der gefälschten Tagebücher – ist bis heute ein Lehrstück. Ein Klassiker. Ein Mahnmal. Und ich frage mich: Wie oft müssen wir das noch sehen? Wie oft wollen wir das noch zulassen?

Natürlich waren die Darsteller:innen, die besten, die es damals in Deutschland gab, darunter ging es eben nicht. Und über allem: Götz George, als Hermann Willié. Das schauspielerische Herzstück des Films – doch hier nur einer, von so vielen der größten. Der George – nicht nur von mir als grimmiger Tatort-Kommissar innig geliebt – zeigt hier seine enorme Bandbreite. Komödiantisch, grotesk, und dabei immer doch so erschütternd menschlich. Ein totaler Clown am Rande des Wahnsinns. Lächerlich. Tragisch. Unvergessen!

„Ich. Wünsche. Keine. Bittere. Orangenmarmelade.“

– Götz George als Hermann Willié

In einer nur sehr kurzen Szene mit seinem Priester (Hark Bohm), in der Willié im Begriff scheint, all seine Sünden zu beichten, hat George für mich ein wahres Schauspielmonument geschaffen. Er gab darin alles, was er hatte: Komik und Tragik, verzerrt und wahrhaftig zugleich. Es ist genau diese präzise Ambivalenz, die „Schtonk!“ so groß gemacht hat.

Für mich ist dieser Film nicht nur ein Rückblick auf einen Skandal, der schon zwei Generationen zurückliegt. Er bleibt eine Anklage. Eine politische, moralische, medienethische Anklage. Gegen die Verklärung des Nationalsozialismus. Gegen die Sensationsgeilheit. Gegen die mediale Selbstvergessenheit. Und gegen Fake-News.

„Schtonk!“ ist auch ein Vermächtnis. Von Dietl. Von George. Von all den großen Künstler:innen, die darin mitgewirkt haben.

Unbedingt anschauen! Alle! Jetzt!

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht am 25.05.2025.


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Satire, Deutschland, 1991, FSK: ab 6, Regie: Helmut Dietl, Drehbuch: Helmut Dietl, Ulrich Limmer, Produktion: Günter Rohrbach, Helmut Dietl, Musik: Konstantin Wecker, Kamera: Xaver Schwarzenberger, Schnitt: Tanja Schmidbauer, Mit: Uwe Ochsenknecht, Götz George, Christiane Hörbiger, Harald Juhnke, Dagmar Manzel, Veronica Ferres, Ulrich Mühe, Hermann Lause, Martin Benrath, Rolf Hoppe, Georg Marischka, Karl Schönböck, Rosemarie Fendel, Wolfgang Menge, Thomas Holtzmann, Hark Bohm, Hans Joachim Hegewald, Peter Roggisch, Willy Harlander, Günter Junghans, Armin Rohde, Michael Kessler, Martin Feifel, Thomas Wüpper

79 Reaktionen im Fediverse >>
3 Kommentare >>
  1. Avatar von publictorsten

    @mediathekperlen Als Teil des heutigen Medienbetriebs fällt mir bei dem Film immer wieder auf: Wieviel Geld hatten die damals nur? Einfach nur über den Verkauf von wöchentlichen Print-Ausgaben und den Anzeigeplätzen darin.

    1. Avatar von Mediathekperlen

      Du hast vollkommen recht! Letztlich waren es die Alliierten deren Presselizenzen einige Familien nach dem Krieg zu Milliardär:innen (oder mindestens Multimillionär:innen, ich hab‘ die Zahlen gerade nicht) gemacht haben. Es war so unglaublich viel Geld im „System“ – rückblickend irgendwie keine Überraschung, dass es dann irgendwann kippen musste und Journalismus für diese nur noch Mittel zum Zweck seiner Vermehrung geworden ist.

  2. Avatar von Ԏєηυкι, 手抜き🚀🐧♏ 🔭 ⚫⚪

    @mediathekperlen @filmeundserien
    George‘s Götz machte authentisch plastisch deutlich , wie gestandene Redakteure (Stern, Grunar Jahr) wie unter Droge standen. Es ist deutsche Geschichte über deutsche Geschichte . Also doppelt sehenswert 😁

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