Die talentierte, aber charakterlich umstrittene Eiskunstläuferin Tonya Harding (Margot Robbie) steht vor ihrer zweiten Olympiateilnahme, als sie nach einem anonymen Attentat auf ihre größte Konkurrentin ins Fadenkreuz vom FBI und der Presse gerät. (Bild: © ZDF / Frank Masi)
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Craig Gillespie – „I, Tonya“ (2017)

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© ZDF / Frank Masi
Kurz vor der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Mailand zeigt das ZDF ein Biopic, das eigentlich viel weniger Sportdrama als eine Medienstudie ist. Margot Robbie als Eiskunstläuferin, die Talent, Ehrgeiz und eine explosive Persönlichkeit vereint, entlarvt die mediale Ausschlachtung einer wahren Geschichte mit Ironie und schwarzem Humor. Der Film beobachtet Mechanismen, die aus menschlicher Ambivalenz Unterhaltung machen – fast ohne jede moralische Simplifizierung. Ich finde, das lohnt sich.

Ganz ehrlich: Als der Film damals in die Kinos kam, lag die wahre Geschichte (Der Spiegel) schon mehr als 10 Jahre in der Vergangenheit. Und ich war immer noch genervt davon, wie die (Boulevard-)Medien aus diesem menschlichen Sportlerinnen-Drama einen globalen Skandal konstruiert haben, der mit dem Wort „Shitstorm“ noch viel zu milde beschrieben wäre. Musste es wirklich sein, das alles noch einmal wieder aufzuwärmen, nur damit auch Hollywood davon noch mal Profit schlagen konnte?

Es hilft, sich noch einmal bewusst zu machen, dass 1994 noch weit von der Massenkompatibilität des Internets entfernt war. Trotzdem ist diese Geschichte so tief in die (US-amerikanische) Popkultur eingedrungen, dass noch heute der Zusammenklang der Worte „Eisenstange und Eiskunstlauf“ genügt, dass selbst Leute, die damals möglicherweise noch gar nicht geboren waren, wissen, wer Tonya Harding gewesen ist. Und das hat, zumindest für die jüngeren, wohl auch viel mit diesem Film zu tun.

Craig Gillespie erzählt Tonya Hardings Geschichte als fragmentiertes Erinnerungsprotokoll, in dem Aussagen sich widersprechen und Wahrnehmung zum Kampfplatz wird. Die direkte Ansprache der Kamera, Sprünge zwischen Point-of-View-Perspektiven und widersprüchliche Interviews erzeugen eine Form, die weniger belehrt als provoziert: Wer hat das Recht zu erzählen, wer definiert Wahrheit? So wird Harding nicht idealisiert, aber auch nicht auf ihr Vergehen reduziert.

Denn der Film nimmt sich die Zeit, zu zeigen, wie diese Frau in einem Umfeld aus ökonomischer Härte, familiärer Kontrolle, Gewalt und Missbrauch aufgewachsen ist. Der Film zeigt auch, wie das ihr Leben, ihre Beziehungen und ihre Karriere geprägt hat, ohne sie für ihre Taten zu entschuldigen. Margot Robbie macht das unmittelbar spürbar. Denn wenn Talent und Ehrgeiz auf familiäre Gewalt und Missbrauch treffen – entsteht daraus das Potenzial einer Geschichte, die auszubeuten für Medien eine geradezu absurde Attraktivität ausübt. So ist auch dieser Film eine Mischung von alldem. Ein Biopic über weibliche Stärke, emotionale Verletzlichkeit und globale öffentliche Demontage.

Der Film zeigt Eiskunstlauf als knallharten Sport, in dem Leistung und Inszenierung/Sexualisierung untrennbar sind. Tonya Harding konnte mit Technik, Sprüngen und Ausdruckskraft brillieren, doch ihr Körper und ihr Auftreten widersprachen den konventionellen Schönheits- und Anmutvorstellungen des Systems. Gillespie thematisiert subtil, wie die Sexualisierung und ästhetische Kontrolle in einer männlich dominierten Medienlandschaft talentierte Sportlerinnen manipulieren. Hardings Körper wird bewertet, ihre Energie beurteilt, ihre Herkunft ausgeblendet oder verspottet – all das neben, ja fast total unabhängig von ihren sportlichen Leistungen.

„Sie entsprechen nicht dem Image, das wir wollen. Sie repräsentieren unser Land, verdammt noch mal. Und wir wollen nun einmal eine gesunde amerikanische Familie sehen – und sie, sie weigern sich einfach da mitzuspielen.“

– Filmzitat (Ein Jurymitglied, gegenüber Tonya)

Robbie spielt die Tonya roh, dynamisch, verletzlich, aber niemals schmückend. Sie lässt ihre Verletzlichkeit, Kraft und Wut in gleichem Maße und zur exakt gleichen Zeit spürbar werden. Die überragende Allison Janney als ihre Mutter LaVona ist ein Kontinuum aus Kritik, Härte und emotionaler Kälte: Nähe existiert für die Frau nur als Bedingung, Anerkennung von ihr, ist eine echte Ausnahmesituation. Dafür gab es einen Oscar.

Sebastian Stan verkörpert Tonyas Ehemann Jeff Gillooly als getriebenen, unsicheren Mann, dessen Handeln und Gewalt aus purer Überforderung und Machtanspruch entsteht. Das ist als Ensemble genial besetzt, als Typen mir allerdings schon fast zu viel. Weil diese Figuren auf der feinen Klinge balancieren, die eine Karikatur von einer Verleumdung trennt. Die Eskalation rund um den Angriff auf Nancy Kerrigan wirkt dadurch allerdings fast organisch und um so tragischer, aber nicht konstruiert.

Was den Film zu etwas wirklich besonderen in den Genres macht, ist, dass sein ziemlich schwarzer Humor sich an keiner Stelle gegen seine Protagonist:innen richtet, sondern ausschließlich gegen die mediale Ausschlachtung des Falls. Denn diese Tonya Harding wird zur Projektionsfläche, zum Meme und zur Skandalfigur – während die Mechanismen der Öffentlichkeit gnadenlos sichtbar werden. An der Stelle wird dann ein True-Crime-Sport-Drama zur bissigen Satire.

Denn die Ironie und seine stilistischen Brüche machen den Film so unterhaltsam wie unbequem. Die @ZDF-Ausstrahlung, gerade kurz vor Olympia, wirkt auf mich deshalb auch wie ein leiser Versuch, vor dem sportlichen Programm-Overkill auch im Spielfilmprogramm politische und gesellschaftliche Relevanz mitzudenken, und das ohne erhobenen Zeigefinger. Ich weiß das sehr zu schätzen!

„Ich dachte immer, berühmt zu sein, würde Spaß machen. Ich wurde geliebt. Für einen Moment. Dann wurde ich gehasst. Ich war nur noch eine Witzfigur. Es war so, als würde ich wieder missbraucht. Aber dieses Mal von euch. Von euch allen. Ihr alle habt mir das angetan.“

– Filmzitat (Tonya Harding, gespielt von Margot Robbie)

Am Ende bekommen wir keine moralische Klarheit und keine Rehabilitation. Die wahre Geschichte von Tonya passt einfach nicht in pauschale Kategorien. „I, Tonya“ (2017) zwingt aber dazu, diese Widersprüche auszuhalten und auf die Dynamik zwischen Medien, Öffentlichkeit und individueller Ambition zu schauen. Das kann in den nächsten Tagen durchaus hilfreich sein, damit wir uns dem globalen Event in Mailand/Cortina mit der notwendigen kritischen Distanz nähern können, die es braucht, um medial nicht davon überwältigt zu werden.

Olympia ist eine Geld- und Machtmaschine. Sportler:innen sind Menschen.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht am 06.06.2026.



Inhaltswarnung >>

Der Film behandelt häusliche Gewalt, emotionale Misshandlung und psychische Gewalt in familiären und partnerschaftlichen Beziehungen. Weitere Themen sind öffentliche Demütigung, mediale Hetze und die Ausschlachtung realer Gewaltverbrechen. Szenen zeigen aggressive Sprache und körperliche Übergriffe.

Credits >>

Biopic, Drama, Sportfilm, USA , Großbritannien, 2017, FSK: ab 12, Regie: Craig Gillespie, Drehbuch: Steven Rogers, Produktion: Tom Ackerley, Margot Robbie u. a., Musik: Peter Nashel, Kamera: Nicolas Karakatsanis, Schnitt: Tatiana S. Riegel, Mit: Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney, Julianne Nicholson, Paul Walter Hauser, Bobby Cannavale, Bojana Novaković, Caitlin Carver, Mckenna Grace, Jason Davis

45 Reaktionen im Fediverse >>
10 Kommentare >>
  1. Avatar von Smeerbuedel

    @ZDF @mediathekperlen Ich hätte mir den Film gar nicht angesehen, wenn ich nicht den Beitrag im Blog gelesen hätte. In der Mediathek ist er an mir vorbeigegangen. Im Blog ist er toll kuratiert mit viele Infos zum Staff und drumherum. Danke für die tolle Arbeit. Falls das die Mediatheken nicht dürfen sollten, dann wäre vielleicht ein Link auf Wikipedia möglich.

  2. Avatar von Nadnoennas

    Sehr intensiver Film mit einer großartigen Margot Robbie.

  3. Avatar von Therese Müller-Rezbach

    Auch wenn der Link bei mir nicht geht: Der Film ist sehr sehenswert!!

  4. Avatar von ZDF :zdf:

    @mediathekperlen Den Film wollten wir heute auch bewerben. Danke dafür!

    1. Avatar von el flojo (DenkfabrikBlog)

      @ZDF Schön, dass ihr aufm Schirm habt, was für einen Granaten-Job @mediathekperlen da für euch macht.

    2. Avatar von Mediathekperlen

      „Da nicht für“, liebe Lerchenberger:innen! Ich lege allerdings einigen Wert darauf, dass ich hier keine „Werbung“ mache, sondern (fast) nur „Kunst“ rezensiere. Nicht, dass mir das Finanzamt noch auf den Blog rückt. 🤣

      Aber „DANKE“ für die schöne lange Verfügbarkeit! Da lohnt sich so einen Beitrag zu schreiben gleich um so mehr! Und der Film hat es wirklich verdient! ❤️ 👍

      1. Avatar von ZDF :zdf:
    3. Avatar von Trabuster

      @ZDF @mediathekperlen cool, hier wird auch gelesen! Ich ging davon aus, dass es eh eine Einbahnstraße von solchen Accounts ist.

      1. Avatar von Mediathekperlen

        Ach, das SoMe-Team beim @ZDF tut schon, was es kann… und ich les‘ sowieso alles! 😎

    4. Avatar von Arby

      @ZDF @mediathekperlen Direkt mal geliket, damit ihr seht, dass euer Dialog hier auch ankommt.

  5. Avatar von Schnatterick

    @mediathekperlen überraschend starkes Biopic, kannte damals allerdings auch die tasächliche Geschichte noch nicht @ZDF

  6. Avatar von Nadnoennas

    @mediathekperlen Uuuuuh, den guck ich am Wochenende! Danke fürs Teilen!

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