Auf der Überfahrt ins Exil: Dr. Josef Bartok (Oliver Masucci, re.) lernt Koller (Samuel Finzi) kennen, der den Schachweltmeister managt. (Bild: © ARD Degeto Film/Studiocanal/Julia Terjung)
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Philipp Stölzl – „Schachnovelle“ (2021)

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© ZDF / ARD Degeto Film / Studiocanal / Julia Terjung
Philipp Stölzl inszeniert das Innere eines Mannes als Schlachtfeld und Ort der Zersetzung durch Macht und Isolation. Die Geschichte kennen Sie vermutlich noch. Denn in jedem Fall gehört die literarische Vorlage von Stefan Zweig zum Kanon der europäischen Selbstbefragung nach dem Faschismus. Doch dieser Film interessiert sich weniger für die historische Spezifität als für die psychologische Verdichtung eines Ausnahmezustands. Das funktioniert leider nur teilweise. Mit Oliver Masucci, Albrecht Schuch und Rolf Lassgård.

Gleich mehrere unterschiedlich gute Gründe gab es für mich, diesen Film zu sehen. Zum ersten meine Biografie als Produkt des westdeutschen Bildungssystems, mit Deutsch als Leistungskurs im Abitur. Zu meiner Zeit gab‘ es da kaum eine Wahl oder Möglichkeit, dem Zweig zu entgehen. Ich erinnere mich nicht mehr, in welcher Klasse ich das lesen musste/durfte, aber ich erinnere mich, dass ich das durchaus mit einiger Lust gelesen habe. Allerdings muss ich gestehen, dass es mich doch weniger beeindruckt hat, als andere Werke, die mir das Kurrikulum auferlegt hat. Und ob ich das als Film noch einmal hätte sehen wollen, wenn dort nicht zwei meiner Lieblingsdarsteller aufeinandergetroffen wären, mag ich nicht sagen wollen. Ich habe mir diese Neuauflage im TV jedenfalls mit Gewinn angeschaut.

Handlung (Spoiler!) >>

Österreich, 1938. Der Wiener Lebemann Dr. Josef Bartok (Oliver Masucci) verdrängt die Gefahr der NS-Machtübernahme. Erst kurz vor dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich entschließt er sich zur Flucht. Während seine Frau Anna (Birgit Minichmayr) entkommt, gerät Bartok in die Fänge der Faschisten. Gestapo-Offizier Böhm (Albrecht Schuch) möchte den Notar mit Isolationshaft zwingen, die Nummernkonten vermögender Mandanten preiszugeben: kein Gespräch, nichts zu lesen, keine Beschäftigung! Tage, Wochen und Monate vergehen. Als Bartoks Widerstandskraft schwindet, bekommt er ein Buch über Schachpartien in die Hände. Diese unverhoffte Nahrung für seinen ausgehungerten Geist löst ein Schachfieber aus – und zieht ihn in neue Abgründe. Zu seinem ersten Schachspiel mit einem Gegner kommt es Monate später auf der Überfahrt ins Exil. An Bord des Kreuzfahrtschiffes von Owen McConnor (Rolf Lassgård) trifft Bartok auf den amtierenden Weltmeister Czentovic (Albrecht Schuch), dessen Manager Koller (Samuel Finzi) eine Partie arrangiert. Nun beginnt ein Spiel, an dem Bartok zu zerbrechen droht.

– ARD Mediathek

Oliver Masucci (Blog), sowieso einer von Deutschlands Besten, trägt auch diesen Film mit einer physischen Präsenz, die eigentlich von Anfang an auf Spannung gebaut ist. Sein Josef Bartok/Max van Leuwen ist alles andere als ein passives Opfer. Er gibt ihm Stolz, da ist Widerstand sichtbar, da ist vor allem auch ein Körper, der sich einfach weigert, sich vollständig unterwerfen zu lassen.

Masucci spielt das aber nicht als langsamen Verfall, sondern als wirklich aggressive, physische Selbstverteidigung, die sich irgendwann dann auch gegen sich selbst richtet. In diesen Momenten kippt der Film in etwas wirklich Radikales. Denn die Frage ist dann nicht mehr, wie lange ein Mann das durchhält, sondern was von einem Subjekt überhaupt noch übrig bleibt, wenn das Denken zur einzigen verbleibenden Überlebensstrategie wird. Beeindruckend und erschütternd ist das allemal!

Die Fortsetzung der Geschichte auf dem Schiff verändert die Perspektive dann entscheidend. Hier tritt Rolf Lassgård (Blog) als McConnor auf, Eigner des Ozeandampfers, und damit eine Figur der wohlhabenden Souveränität. Das ist eigentlich kein Täter im engeren Sinne, sondern nur der Repräsentant einer Welt, die sich Stabilität bis zum Weltuntergang leisten kann. Seine Ruhe, seine Gelassenheit, sein Interesse am Spiel wirken zunächst völlig harmlos. Doch genau darin liegt die Leerstelle. Denn während Bartok von der Geschichte vollkommen deformiert wurde, bewegt sich McConnor scheinbar außerhalb aller Gewalt. Diese Asymmetrie ist politisch unglaublich aufgeladen, leider buchstabiert der Film das aber nicht aus. Denn von dieser Sorte Menschen gibt es jeden Tag mehr, wie es mir scheint.

Interessant ist natürlich, wie sich die Macht hier verschiebt. Nicht mehr als direkte Repression, sondern als Bühne. Das Schachspiel wird zum Spektakel und zur Ware, die dem Zeitvertreib einer transatlantischen Elite dient. In diesem Kontext wirkt Bartoks Besessenheit wie ein Störsignal. Er bringt etwas mit, das nicht integrierbar ist. Seine Erfahrung lässt sich nicht in Unterhaltung übersetzen. Das ist, gerade im Fernsehen von heute, auch wirklich zeitgemäß.

Visuell sucht Stölzl nach den großen Bildern für innere Zustände. Spiegelungen, Doppelgänger, surreale Räume… Das ist handwerklich alles wirklich souverän umgesetzt, manchmal sogar beeindruckend. Mir ist es aber oft zu sehr nur darauf angelegt, in der Kulisse zwingend Bedeutung zu erzeugen, statt sie einfach entstehen zu lassen. Wenn ich das mal neben Filme wie „Hunger“ (2008) von Steve McQueen oder „Son of Saul“ (2015) von László Nemes stelle, dann wirkt diese Ästhetik mir viel zu kontrolliert, fast schon geschniegelt. Bei den anderen wird Erfahrung körperlich, hier bleibt sie für mich oft nur Illustration.

Ich schreibe das einfach mal den spezifischen deutschen TV-Event-Kino-Standards zu, denen sich auch Stölzl nicht entziehen konnte. Denn leider sind solche Prestige-Produktionen immer auch als solche zu erkennen. Das Publikum soll den Aufwand ja auch sehen. Offenbar führt das aber eben nicht zwingend dazu, dass auch die Erzählungen davon profitieren.

Und doch gibt es auch Momente, in denen sich alles verdichtet und an die ich mich erinnern werde.

Wenn Max van Leuwen gegen Czentovic (Albrecht Schuch) spielt, dann ist das tatsächlich auch ein Remake des Klassikers zwischen Curd Jürgens und Mario Adorf (Blog) aus dem Jahr 1960. Auch da ging es nicht mehr um Sieg oder Niederlage gegen einen Endgegner. Es geht nach wie vor um die Frage, ob ein durch Isolation fragmentiertes Subjekt überhaupt noch in der Lage ist, kohärent zu handeln. Das Spiel ist die Reinszenierung der Haft und damit die Wiederholung des Traumas unter neuen Vorzeichen. Eben eine Partie Schach für die Geschichte…

Am Ende steht ein Film, der viel will und für mich tatsächlich auch einiges erreicht. In erster Linie ist „Schachnovelle“ (2021) ein echter Schauspielerfilm mit einigen mehr als eindringlichen Momenten und großartigem Personal, der sich aber leider nicht ganz traut, seine eigenen Fragen zuzuspitzen. Zwischen dem psychologischen Kammerspiel und der historischen Allegorie bleibt eine Distanz, die sich für mich nicht auflöst.

Das zu sehen lohnt sich durchaus, doch es endet für mich bestenfalls mit einem Remis.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht am 03.04.2026.



Inhaltswarnung >>

Der Film zeigt psychische Folter durch Isolation, massive seelische Belastung und fortschreitende mentale Desintegration. Thematisiert werden NS-Verfolgung, Machtmissbrauch und Traumafolgen. Enthält Darstellungen von Halluzinationen, Identitätsverlust und einer Erschießung. Die beklemmende Atmosphäre und subjektive Wahrnehmungsverzerrungen können belastend wirken, insbesondere für Zuschauerinnen mit Sensibilität für psychische Krisen, Gewalt und historische Repressionserfahrungen.

Credits >>

Thriller, Drama, Literaturverfilmung, Deutschland, 2021, FSK: ab 12, Regie: Philipp Stölzl, Drehbuch: Eldar Grigorian, Philipp Stölzl, basierend auf einer Novelle von Stefan Zweig, Produktion: Tobias Walker, Philipp Worm, Danny Krausz, Musik: Ingo Ludwig Frenzel, Kamera: Thomas W. Kiennast, Schnitt: Sven Budelmann, Mit: Oliver Masucci, Birgit Minichmayr, Albrecht Schuch, Moritz von Treuenfels, Carl Achleitner, Clemens Berndorff, Eric Bouwer, Lukas Miko, Rafael Stachowiak, Rolf Lassgård, Andreas Lust, Samuel Finzi, Joel Basman, Johannes Zeiler, Maresi Riegner, Luisa-Céline Gaffron, Fediverse: @3sat

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