Ein weißer Monobloc-Stuhl unter einer Seebrücke aus Holz, bei Ebbe am Strand. (Bild: NDR / Pier53)
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Hauke Wendler – „Monobloc“ (2023)

Bild:
NDR / Pier53
Das meistverkaufte Möbelstück der Welt? Wer denkt da denn nicht an „Billy“, „Ivar“ oder sonstwas von IKEA? Doch das wäre falsch geraten. Auch wenn ein „Monobloc“ ja eigentlich kein Möbel ist, sondern mehr ein globaler Systemfehler. Ein meistens weißes, stapelbares Stück Plastik, das gleichzeitig überall und nirgends verortet ist. Der Film folgt diesem Objekt und seiner Spur aus verdichtetem Erdöl, Logistik und Gewohnheit. Und er stellt dabei die Frage: „Wie kann etwas so Unspektakuläres eigentlich überhaupt eine Milliarde Mal existieren?“

„Wenn man Filme macht, sucht man ständig nach Geschichten. Nach großartigen Bildern, und bewegenden Momenten. Wenn man dabei über einen Plastikstuhl stolpert, bricht niemand in Jubelstürme aus. Da denkt keiner „Wow! Das hier wird ein Film!“ Aber in diesem Leben ist wenig so, wie es auf den ersten Blick scheint…“

– Filmzitat

Der Einstieg des Films wirkt fast beiläufig, obwohl er seine totale Inszenierung darin gleichzeitig völlig offenlegt. Und das ist auch die Strategie dieser dokumentarischen Weltreise. Der Monobloc taucht an Stränden auf, in Gärten und Hinterhöfen, in Städten, auf Dorfplätzen, in Favelas, vor Industriehallen, Bars und Bordellen. Er ist hochmobil, dauerhaft, und eigentlich ein Verbrauchsobjekt. Im globalen Westen, Norden, Süden, Osten – immer das gleiche Produkt, immer leicht abgeranzt, manchmal beschädigt, aber selbst dann noch irgendwie funktional.

Ich habe selbst (nur) zwei von den Stühlen, aber das eben auch schon seit Jahrzehnten. Ausgerechnet aus der „PS-Kollektion“ (IKEAmuseum) der schwedischen Weltmöblierer:innen. Und auch wenn sie lange nicht mehr „schön“ sind, funktionieren sie doch noch immer. Der Film interessiert sich allerdings nicht für die Möbel im klassisch-ästhetischen Sinne, sondern viel mehr als globale Infrastruktur. Hier geht es nicht um ein Symbol, das erklärt werden muss, sondern um den Effekt von Produktionsketten, die sich über alle Kontinente spannen.

Die Geschichte der Kopie und ihrer endlosen industriellen Vervielfältigung beginnt in Norditalien. Mit drei Brüdern und einer genialen Idee, die eigentlich aus Frankreich stammt, aber durch kein Patent geschützt wurde. Sie erzählt über ein Design, das die Welt als kalkulierte Wiederholung einer industriellen Logik erobert hat. Denn von dort aus wurde das Monobloc-Prinzip der Möbelherstellung über Länder, Kontinente und damit auch ganz unterschiedliche Ökonomien verbreitet, und dieser Stuhl somit nicht nur zu einem Produkt, sondern zur logischen Konsequenz wirklich globalisierter Märkte.

Der vom NDR koproduzierte Dokumentarfilm (Blog) arbeitet konsequent gegen die Versuchung, den Monobloc, dieses hässliche Möbel, etwa ästhetisch rehabilitieren zu wollen. Da gibt es selbst bei einem Besuch bei den Sachverständigen im Vitra Design Museum eigentlich keine Spur von Romantik, auch keine ironische Aufwertung des Ganzen. Stattdessen zeigt der Filmemacher auch dort nur: Respekt! Vor Gebrauchsspuren, für improvisierte Reparaturen und für die Dauerhaftigkeit unter der Abnutzung als Normalzustand in Wind und Wetter.

In Indien und Uganda wird offensichtlich, wie sehr der Stuhl dort auch eine materielle Voraussetzung für eine bestimmte Form von Alltag und Entwicklung ist. Und in Brasilien zeigt sich seine ganz eigene Recyclinglogik, in der so ein Stuhl nicht einfach weggeworfen, sondern tatsächlich immer wieder weiterverarbeitet wird, so als wäre es unmöglich für ihn, einfach zu Abfall zu werden.

Zwischen den Stationen entsteht keine klassische Weltreise, sondern vielmehr eine Materialmontage. Der Film schneidet all die diversen sozialen Realitäten über ein identisches Objekt zusammen. Dadurch kippt auch die Perspektive: Nicht die Welt verändert sich, sondern die Bedingungen, unter denen derselbe Gegenstand, an ganz verschiedenen, aber eben gleichzeitig existierenden Orten seine universelle Bedeutung bekommt.

Acht Jahre Recherche von Grimme-Preisträger Hauke Wendler („Willkommen auf Deutsch“, 2014) verdichten sich so zu einer stillen Kritik an der Konsumlogik. „Günstig“ ist nicht der Preis des Objektes, sondern die Verschiebung seiner Kosten in andere ganz Räume. Plastik verrottet bestenfalls in Jahrhunderten. Der Monobloc ist heute deshalb so billig, weil die Berechnung absichtlich unvollständig ist.

Hier ist auch die Marktphilosophie zu erkennen, die ausgerechnet die schon erwähnten schwedischen Wohnkulturimperialisten zu ihrer zentralen Strategie gemacht haben. Das ist für mich quasi mein kulturelles Hintergrundrauschen. Denn der IKEA-Claim vom „demokratischen Design“ (IKEAmuseum) wird durch den Monobloc tatsächlich in seine radikalste Form überführt. Weil der ein Design besitzt, das gar nicht mehr zwischen Klassen unterscheidet, weil er jeden Unterschied einfach einebnet und durch einen absurd niedrigen Preis in absolute ökonomische Zugänglichkeit überführt. Er ist tatsächlich so etwas wie die Endstufe dieser Idee – maximal demokratisch und auch maximal entkoppelt von eigentlich (fast) jedem ästhetischem Anspruch.

Das für mich zentrale Kapitel im Film verschiebt die ganze Logik dieses Produktes aber noch einmal so sehr, dass ich sie nicht mehr vergessen kann. Denn wenn wir sehen, wie in Uganda aus Monobloc-Stühlen mit einfachsten Mitteln Rollstühle gebaut werden – für Menschen, die sich nie im Leben einen solchen hätten leisten können – dann kippt der Stuhl damit aus seiner Passivität als Sitzmöbel in eine Mobilitätsinfrastruktur. Was für mich vorher nur ein Wegwerfprodukt gewesen ist, wird plötzlich zum Werkzeug der Inklusion.

Diese Umcodierung war aber keine Designleistung im Sinne des Produktes oder seiner Produzent:innen, sondern nur seine radikale Zweckverschiebung im Rahmen von Mangelökonomie und genialer Kreativität. Der Film zeigt das ganz ohne Pathos, eher nur als stille Konsequenz aus globaler Ungleichverteilung von Ressourcen und nüchternes Ergebnis einer großartigen Idee von Dr. Don Schoendorfer und der Free Wheelchair Mission. Wenn Verfügbarkeit den begrenzten Zugang zur Hilfe überwindet und Improvisation ganze Versorgungssysteme ersetzt, dann ist das für mich ganz elementarer .

Der Film weigert sich, daraus etwa eine moralische Geschichte zu erzählen. Er bleibt ganz in seiner Ambivalenz: Der Stuhl ist ein globales Umweltproblem und soziale (demokratische?) Infrastruktur zugleich. Er steht für Verschwendung von Ressourcen und für die Erfüllung der Grundbedürfnisse von Menschen. Genau diese Gleichzeitigkeit verhindert eben auch eine einfache Bewertung. Wir dürfen die Dinger mit Recht furchtbar finden. Für meinen Rücken, zum Beispiel, sind sie oft Folterwerkzeuge. Aber wenn wir das hier gesehen haben, haben wir auch allen Grund über unser instinktives Urteil wenigstens noch einmal nachzudenken.

Formal ist das alles ruhig, fast schon zurückhaltend und nüchtern inszeniert. Das finde ich überaus wohltuend. Auch die üblichen Talking-Heads sind hier mal wirklich echte Menschen, buchstäblich von der Straße, und haben allesamt etwas Inhaltliches beizutragen. Das ist schon ganz allein wegen der krass unterschiedlichen Perspektiven aus dem globalen Norden, Süden, West- und Osten interessant genug. Die Kamera registriert, der Schnitt ordnet die manchmal durchaus atemberaubenden Bilder aber ganz, ohne sie zu glätten. Und aus all dem entsteht dann auch eine eigentümliche Spannung. Denn auch hier wird Wiederholung wieder zu einer Methode der Erkenntnis. Die Identität des Objekts ersetzt sozusagen die ganze narrative Dramaturgie.

Ich habe den Film jetzt erst zum zweiten Mal gesehen. Das erste Mal war Zufall. Das zweite Mal gezielt, um ihn aufzuzeichnen und dann auch darüber zu schreiben. Denn es ist ein wirklich großartiger Film. Der bleibt einfach hängen. Er hat er es tatsächlich geschafft, auch meinen Blick auf diese Möbel zu verschieben. Der Monobloc ist für mich nämlich nun nicht mehr beiläufig, sondern auf einmal tatsächlich schwer übersehbar. Schon seine pure Präsenz insistiert das. Weil er das faszinierende Produkt einer Welt ist, in der Design absolut keine Frage von Geschmack mehr ist, sondern nur von Zugang, Material und Logistik.

Und genau da liegt die eigentliche und auch noch eine andere Geschichte.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht am 10.06.2026.



Dokumentarfilm, Deutschland, Italien, Frankreich, Uganda, Brasilien, Niederlande, 2022, FSK: ?, Regie: Hauke Wendler, Drehbuch: Hauke Wendler, Produktion: Tim Carlberg, Musik: Taco van Hettinga, Kamera: Boris Mahlau, Schnitt: Sigrid Sveistrup, Redaktion: Timo Großpietsch

64 Reaktionen im Fediverse >>
11 Kommentare >>
  1. Avatar von Inch wartet

    @mediathekperlen
    Danke für den Tipp

    1. Avatar von Inch wartet

      @mediathekperlen ich habe da tatsächlich 3 oder 4 im Garten gefunden, als ich das alte Haus gekauft habe. Und als ich den ollen Pool anfing, in einen Teich zu verwandeln, da auch einen rausgefischt

  2. Avatar von Benjamin Braatz

    Faszinierend. Ehrlich.

    1. Avatar von M. K. Broll

      @HeptaSean Ja, diese #Dokumentation kann ich jedem Menschen herzlich empfehlen.

  3. Avatar von Iris Volk

    @mediathekperlen Ein sehr ungewöhnlicher und sehenswerter Film. Denke jedes Mal dran, wenn ich einen dieser Stühle sehe 🙂

  4. Avatar von 08/15 R.I.P. Natenom🖤

    @mediathekperlen

    Ein toller Film. Der Inhalt fasziniert und erschreckt.

  5. Avatar von HungenInfo

    @mediathekperlen
    "Wie kann etwas so Unspektakuläres eigentlich überhaupt eine Milliarde Mal existieren?"

    Ganz einfach: weil das Design in seiner Funktionalität einfach perfekt ist.

    1. Avatar von HungenInfo

      @mediathekperlen
      … und:
      weil niemand jemals darauf ein Patent hatte!

      "Merkmale des Monobloc, der als Stuhl, Sessel und Hocker gefertigt wird, sind sein geringes Gewicht, die Stapelbarkeit, sein günstiger Preis sowie die Möglichkeit zum Recyceln bzw. Downcyceln des Plastikstuhls oder -hockers.[1] Der Monobloc selbst wie auch sein Produktionsverfahren sind patentrechtlich nicht geschützt,[2] so dass er sich weltweit verbreiten konnte und mit geschätzten einer Milliarde Exemplaren das meistverkaufte Möbelstück aller Zeiten ist.[3]"
      (Wikipedia)

      Wenn man den jetzt noch aus kompostierbarem Material herstellen würde … 💁🏻‍♂️

  6. Avatar von Cat Man Friedhelm

    So etwas hat man natürlich auf FP. 😀

    1. Avatar von Mediathekperlen.de

      Also bei mir stehen die Dinger meist im Garten. 🤣

  7. Avatar von Fuerchtegott

    @mediathekperlen die Teile sind wirklich überall.. Ich wusste nicht, dass der eine Namen hat 🙂

  8. Avatar von HerrBertels

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