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Technologie – wofür?


Die Ami­schen sind dafür bekannt, dass sie prak­tisch so leben wie vor Jahr­hun­der­ten. Mit ihren Out­fits und Kut­schen wirkt das so. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­le­rin Lind­say Ems hat sich näher mit den Ami­schen und ihrem Umgang mit Tech­no­lo­gie beschäf­tigt. Ihre For­schung legt eine Fra­ge nahe: Soll­te Tech­no­lo­gie nicht weni­ger danach bewer­tet wer­den, was sie kann, son­dern danach, was sie mit uns macht?

Eine der ers­ten Erkennt­nis­se von Lind­say Ems war, dass die Ami­schen durch­aus auch neue­re Tech­no­lo­gie zulas­sen. Sie haben bspw. mobi­le Tele­fo­ne. Das sind kei­ne Smart­phones – nicht ein­mal klas­si­sche Han­dys, son­dern Fest­netz-Tele­fo­ne an einer Box, die es mit dem mobi­len Netz ver­bin­det. In einer Holz­kis­te ver­baut, kom­men sie bei ami­schen Bau­trupps zum Ein­satz. So kann man sie errei­chen, wenn die auf der Bau­stel­le sind.

War­um ist das in der Gemein­schaft erlaubt, Han­dys aber nicht? In Gesprä­chen sag­ten ihr füh­ren­de Amish, dass sie befürch­ten, dass neue Tech­no­lo­gien das Gefühl der Sinn­haf­tig­keit beein­träch­ti­gen könn­ten, das die Men­schen in ihren Gemein­schaf­ten emp­fän­den. Sie befürch­te­ten, dass neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel – wie Smart­phones und sozia­le Medi­en – Ritua­le, Tra­di­tio­nen und ihre bewähr­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­ter stö­ren könn­ten. Vor allem aber woll­ten sie ihre gemein­sa­me Kul­tur bewah­ren, in der sich jeder Ein­zel­ne spi­ri­tu­ell mit sei­nen Nach­barn und der Natur ver­bun­den fühlte.

Sie schreibt: „Mir wur­de klar, dass die Amish der Tech­no­lo­gie gegen­über eigent­lich neu­tral ein­ge­stellt sind. Es ist für sie zweit­ran­gig, wor­um es sich bei einer neu­en Tech­no­lo­gie han­delt oder wie sie funk­tio­niert; ent­schei­dend ist für sie, wel­che Aus­wir­kun­gen ihre Ein­füh­rung auf die Gemein­schaft hätte.“

Bemer­kens­wert ist dabei, dass die Tele­fo­ne der Bau­trupps nicht ein­zel­nen Per­so­nen gehö­ren. Sie ste­hen der Grup­pe zur Ver­fü­gung und ermög­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on, ohne die gemein­schaft­li­chen Struk­tu­ren zu individualisieren.

Keine schlichten Verbote


„Wir müs­sen jun­gen Men­schen das ‚War­um’ ver­mit­teln, aus dem wir bestimm­te Din­ge als Ami­sche [nicht] tun“, sag­te ihr ein ami­scher Geschäftsmann.

Lind­say Ems schluss­fol­gert, dass es natür­lich vie­les an der Ami­schen Kul­tur gibt, das man kri­tisch sehen müss­te. Man kön­ne auch ihren Umgang mit Tech­no­lo­gien nicht ein­fach in unse­re Gesell­schaft implan­tie­ren. Aber: „Wir soll­ten – viel­leicht nicht unähn­lich den Ami­schen – danach stre­ben, nur jene Neue­run­gen anzu­neh­men, die unser Leben sinn­voll berei­chern, wäh­rend wir uns kri­tisch mit jenen aus­ein­an­der­set­zen, die jene Prak­ti­ken, Über­zeu­gun­gen und Bezie­hun­gen unter­gra­ben, die das Leben lebens­wert machen.“

Man muss sein „Warum“ kennen


Ich glau­be, das ist eine klu­ge Erkennt­nis. Aber was ist denn unser „War­um“? Was haben wir denn für eine Vor­stel­lung davon, wie unse­re Gemein­schaft sein soll? Es gel­ten hier und da noch so Min­dest­an­stands­re­geln – klin­geln­de Han­dys bei Trau­er­fei­ern bspw. Aber sonst?

Oft behan­deln wir tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten so, als müss­ten sie allein des­halb genutzt wer­den, weil sie exis­tie­ren. Wer sich ver­wei­gert, gilt schnell als rück­stän­dig oder gefähr­det angeb­lich den wirt­schaft­li­chen Erfolg. Gleich­zei­tig spü­ren vie­le Men­schen, dass ihnen, ihren Kin­dern, ihrer Arbeit oder unse­rer Umwelt bestimm­te Tech­no­lo­gien nicht gut tun.

Natür­lich kann theo­re­tisch jeder Mensch selbst für sich ent­schei­den, was gut oder schlecht ist. Aber wir sind nun ein­mal kei­ne Indi­vi­du­en – unab­hän­gig von ande­ren Men­schen. Wir sind Divi­du­en, wie es der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Micha­el See­mann aus­drückt. Unse­re Ent­schei­dun­gen tref­fen wir nie allein. Die Art, wie wir kom­mu­ni­zie­ren, arbei­ten oder Medi­en nut­zen, beein­flusst immer auch ande­re Men­schen. Des­halb kön­nen Fra­gen der Tech­nik­nut­zung nicht aus­schließ­lich Pri­vat­sa­che sein. Kul­tur ist ein Set von Regeln für eine Grup­pe von Menschen.

Nicht „Leitkultur“!


Es gibt immer mal die­se lei­di­ge Dis­kus­si­on zur deut­schen Leit­kul­tur und am Ende stellt man fest, dass unge­schrie­be­ne Geset­ze immer nur der Aus­gren­zung die­nen – fair kön­nen nur demo­kra­tisch geschrie­be­ne Regeln sein. Sonst gehört halt nur dazu, wer wie Fried­rich Merz betont, vor Weih­nach­ten einen Weih­nachts­baum zu kaufen.

Aber auch Geset­ze und Regeln sind nie neu­tral. Sie drü­cken aus, wel­ches Men­schen­bild eine Gesell­schaft hat.

Der­zeit wird über ein Social-Media-Ver­bot für Kin­der und Jugend­li­che dis­ku­tiert – zumin­dest in Schu­len. Dabei geht es nicht nur um die Fra­ge, ob sozia­le Medi­en gut oder schlecht sind. Dahin­ter ste­cken auch Fra­gen danach, nach wel­chen Maß­stä­ben wir Platt­for­men wie Tik­Tok oder Insta­gram über­haupt bewer­ten. Nach wirt­schaft­li­chem Erfolg? Nach indi­vi­du­el­ler Frei­heit? Danach, ob sie Bezie­hun­gen stär­ken oder schwä­chen? Oder danach, was sie mit unse­rer Demo­kra­tie machen?

Sol­che Fra­gen wer­den auf poli­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Ebe­ne ver­han­delt. Aber eben auch in Fami­li­en, Schu­len und Ver­ei­nen. Wer die Maß­stä­be fest­legt, ent­schei­det am Ende dar­über, wel­che Tech­no­lo­gien wir als Berei­che­rung anse­hen und wel­che nicht.

Wer Tik­Tok und Insta­gram wirk­sam regu­lie­ren woll­te, müss­te sich mit eini­gen der reichs­ten und ein­fluss­reichs­ten Kon­zer­ne der Welt aus­ein­an­der­set­zen. Zugleich berührt eine sol­che Regu­lie­rung wirt­schaft­li­che Inter­es­sen und inter­na­tio­na­le Macht­fra­gen weit über Medi­en­bil­dung hin­aus. Wer dar­auf war­tet, dass die­se Fra­gen auf glo­ba­ler Ebe­ne geklärt wer­den, wird ver­mut­lich lan­ge war­ten müssen.

Umso mehr sind wir als Gemein­schaf­ten gefragt, uns eige­ne Regeln zu geben – so wie es die Ami­schen tun. Das geht aber nur, wenn wir uns auch als Teil von Gemein­schaf­ten betrach­ten und nicht als indi­vi­du­el­le Selbst­op­ti­mie­rer, für die Gemein­schaf­ten nur Zwangs­ja­cken sind.

Was sind denn unse­re Gemein­schaf­ten, wenn wir kei­ne Ami­schen sind? Ange­fan­gen mit der Fami­lie, der Schul­klas­se, der Sport­mann­schaft, dem Ver­ein, dem Team bei der Arbeit, das Unter­neh­men. Ich glau­be, in all die­sen Gemein­schaf­ten soll­ten wir uns Gedan­ken dar­über machen, wie wir mit­ein­an­der leben und han­deln wol­len. Nicht nur, wel­che Tech­no­lo­gien wir nut­zen wol­len, son­dern – im Ange­sicht der Kli­ma­ka­ta­stro­phe auch – wie wir kli­ma­ge­recht leben können.

Was wäre, wenn jedes Team ein­mal im Jahr dar­über spre­chen wür­de, wel­che Tech­no­lo­gien tat­säch­lich hel­fen und wel­che eher von der Arbeit ablen­ken? Wel­che Regeln wür­den Fami­li­en für Smart­phones ver­ein­ba­ren? Wel­che digi­ta­le Kul­tur wür­den Schu­len entwickeln?

Die span­nen­de Fra­ge ist des­halb viel­leicht nicht, wel­che Tech­no­lo­gie als Nächs­tes kommt. Son­dern was sie mit uns macht – und wel­che Form des Zusam­men­le­bens wir bewah­ren oder schaf­fen wol­len. Dazu müss­ten wir aber erst ein­mal das „War­um“ klä­ren – war­um sind wir in die­ser Gemein­schaft zusammen?

Lind­say Ems’ Open-Access-Buch „Vir­tual­ly Amish – Pre­ser­ving Com­mu­ni­ty at the Internet’s Mar­gins“ gibt es hier als kos­ten­lo­sen Download.

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