Irgendwie finde ich, dass die verengte Darstellung des Fediverse Hand in Hand mit dem Vergessen der Socialmedia Geschichte und der eigenen Intentionen geht.
Was man üblicherweise hört, ist die überaus starke Fokussierung auf den dezentralen Aspekt, um das Fediverse von den klassischen BigTech Unternehmen abzugrenzen. Gleichzeitig schwirrt auch die Überbetonung von Mastodon immer mit.
Ich versuche das mal etwas zusammenzubringen, wie es sich für mich darstellt. Manchmal interpretieren wir Menschen früheres Handeln aus einer heutigen Sicht und dichten uns selbst Motivationen an, die wir nie hatten.
Denn mal ehrlich: Das Fediverse ist dezentral. Aber es hat damals kaum jemanden gestört, ob etwas zentralistisch war. Alle waren auf Twitter und Twitter war niemals dezentral. Es wurde auch niemand von Twitter ausgesperrt, so dass man auf einmal alle Kontakte verloren hätte. Tatsächlich sind die meisten von Twitter weg, weil es sich politisch inakzeptabel gestaltet hat, aber im Regelfall mit Ansage, Kommunikation unter den Kontakten etc. Man ist völlig frei gegangen, aber nicht aus Gründen des Zentralismus. Es gibt dafür noch weitere Belege: als vor einiger Zeit eine neue ziemlich problematische Socialmedia Plattform sich als TikTok Alternative anbot, ging durchs Fediverse ein großer Aufschrei, dass es nun eine Alternative gebe, ohne Zensur (es sei denn man wohnte in Israel, dann konnte man sich nicht einmal anmelden, aber das ist eine andere Geschichte...). Eine Begeisterung stürmte durchs Fediverse, aber warum? Diese Plattform war klassisch zentralistisch. Als sich kürzlich das Satire Projekt Twttr meldete, sprangen auch alle hin. Wie die alten Zeiten hieß es, usw usf, viele haben dort ein Interesse daran, dass es über den 1.4. hinaus weitergeht. Ein dezentrales Projekt? Mitnichten. Zentralistisch.
Die Dezentralität wird heute in frühere Handlungen hineininterpretiert. Und sie wird missverstanden. Sie dreht sich nämlich darum, dass man verschiedene Dienste nutzen kann, aber gerade am Anfang gingen alle zu Mastodon, weil sie Kurznachrichtendienste von Twitter her kannten. Wo war da der dezentrale Gedanke? Eben nicht vorhanden. Viele sagen: die Leute können ja erstmal sich bei Mastodon anmelden und dann weiter schauen. Da steckt allerdings nur de Gedanke drin, dass man die Server wechseln kann. Mir hat allerdings noch niemand erklären können, warum den Leuten erklärt wird: "Wenn Euch die Regeln einer Instanz nicht passen, könnt Ihr zu einer anderen Instanz gehen oder Eure eigene aufmachen". Ja, was für ein moralischer Bankrott, wo sich die meisten Mastodon Regeln doch gegen Diskriminierung wenden. Aber auch das ist eine andere Geschichte...
Was völlig aus den Augen verloren wird, ist das, was tatsächlich viele Menschen auch damals schon störte. Dass es verschiedene Dienste gibt, die nicht miteinander sprechen können. Und damit sind eben nicht nur verschiedene Server des gleichen Dienstes gemeint. Was schon immer störend war, und da nehme ich ein Beispiel aus der wirklichen Welt: Ich bin bei MySpace und kann nicht mit meinen Freunden bei StudiVZ oder bei Facebook schreiben. Hast Du jemanden kennengelernt und Du fragtest ihn oder sie "Bist du bei Facebook?", kam die Antwort "Nein, aber bei MySpace". Deswegen hatten so viele Leute überall Accounts, wegen den anderen Leuten. Wie oft musste man einräumen "die meisten Sachen nutze ich da gar nicht, aber ich bin noch da, weil die meisten Leute aus der Schule dort noch angemeldet sind" oder "ich bin bei MySpace, weil meine Stammdisko dort die Konzertankündigungen macht". Oder "Komm doch mal auf meinen Blog." Wer bei Facebook war, meldete sich dann bei Wordpress an, um bei diesem Blog kommentieren zu können.
Es ging nicht um "habe ich bei Kurznachrichtendienst Z eine Funktion mehr als bei A" oder "da sind die Leute doof, deswegen geh ich woanders hin." Hier kommt das ganze Fediverse ins Spiel: Es geht wirklich darum, dass die Menschen über die Nutzung verschiedener Dienste hinweg in Kontakt treten können.
Derjenige, der seine Kurznachrichten Morgens liest, kann mit der gleichen Software die Blogtexte seines Professors lesen und sie kommentieren. Und er kann mit dem gleichen Account die Urlaubsfotos seines Onkels auf Pixelfed anschauen und sie kommentieren, während sich der Onkel überhaupt nicht für Kurznachrichtendienste interessiert und niemanden auf Akkoma, Mastodon, Sharkey etc. folgen wird.
Und an diesem Punkt greift die Vielfalt des Fediverse mit seinen Programmen. Nicht eine Vielfalt, die da sagt "Du kannst auch zu einer anderen Mastodon Instanz wechseln."
#Fediverse #Dezentralität