Search

Items tagged with: Plattformökonomie


The media in this post is not displayed to visitors. To view it, please go to the original post.

Warum ich BizzFed gebaut habe – und warum mir das berufliche Netz gehören sollte

Es gibt diesen Moment, den vermutlich viele kennen: Man öffnet ein berufliches Netzwerk, eigentlich nur, um eine einzige Nachricht zu beantworten – und zwanzig Minuten später scrollt man durch einen Feed, den man sich nie ausgesucht hat. Beiträge, die man nicht abonniert hat. Werbung, die einen kennt, ohne […]
blog.hamdorf.org/bizzfed/


The media in this post is not displayed to visitors. To view it, please go to the original post.

The media in this post is not displayed to visitors. To view it, please go to the original post.

Jugendschutz per Verbotsschild, Detox per Studie, digitaler Hausmeister per KI — willkommen in Social Media 2026

Kuratiert - 500 250 Unterzeile normal grün
Themen rund um die asozialen, algorithmischen Medien kuratiert: Das Social Media-Verbot in Australien wirkt wie von fast allen Experten erwartet nicht. Das wird die Europäer nicht davon abhalten, es auch zu versuchen. Lars hat ja ein Verbot noch in dieser Legislaturperiode in Deutschland vorhergesagt. Zwei Wochen Social-Media-Pause und man ist kognitiv zehn Jahre jünger? Klingt zu gut … Gunnar philosophiert über die vermietete Öffentlichkeit und Carla über die Entmenschlichung des Netzes. Alles gewürzt mit dem zumindest vorläufigen Ende meines #60Sekunden-Projekts.


Kuratiert: Warum ich das #60Sekunden‑Projekt vorläufig stoppe


Diese Kuratiert‑Folge rund um asoziale, algorithmische Medien beginnt ausnahmsweise mit einem Thema in eigener Sache: Mein #60Sekunden‑Experiment auf TikTok, Instagram und YouTube, wo ich regelmäßig meine Blogbeiträge in kurze Videos transformiert habe, pausiert vorerst.

Nicht, weil mir die Themen ausgegangen wären oder die Lust, junge Menschen mit digitalen und politischen Inhalten zu erreichen. Sondern weil mir ein Abonnement von CapCut, das ich als zentrale Produktionsplattform genutzt habe, für ein experimentelles, nicht monetarisiertes Projekt schlicht zu teuer ist. ByteDance hat wohl die Preise geändert und ich kann nicht nur Coins hinzukommen, sondern müsste besagtes Abo abschließen. Sehr schade. Leider habe ich auch keine Alternative gefunden, die meiner Produktionsweise entgegenkommt.


Jugendschutz per Bann: Australiens Social‑Media‑Verbot für Unter‑16‑Jährige


Australien hat es vorgemacht, europäische Politiker jubelten — und Golem berichtet jetzt über das Erwartbare: Der seit Dezember 2025 geltende Social-Media-Bann für unter 16-Jährige ist weitgehend wirkungslos. Wer ein falsches Geburtsjahr einträgt, ist einfach drin. Das ist kein Versagen der Umsetzung, das ist das Konzept. Jugendschutz per Altersgrenze funktioniert im digitalen Raum genauso gut wie Tempolimit nur per Straßenschild — es beruhigt die Politik, nicht die Straße.

Das wird europäische Regierungen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht davon abhalten, es auch mit einem Verbot zu versuchen. Europa diskutiert Ausweiskontrollen und Mindestalter, während die eigentliche Baustelle — wie Plattformen strukturell auf Sucht ausgelegt sind und viel strenger reguliert werden müssten — politisch weitgehend unangetastet bleibt. Symbolpolitik ist billiger als Regulierung. Und Trump könnte ja Zölle verhängen.


Social‑Media‑Detox: Zwei Wochen gegen zehn Jahre kognitiven Abbau?


Die Washington Post berichtet über eine Studie, bei deren Ergebnis man sich die Augen reibt: Wer zwei Wochen weniger scrollt, soll laut Studie kognitiv so fit werden wie jemand, der zehn Jahre jünger ist. Kann man Schäden durch Social-Media-Nutzung also rückgängig machen? Das klingt nach Clickbait-Wissenschaft — und man sollte es mit der nötigen Skepsis einordnen.

Trotzdem: Dass deutlich weniger Bildschirmzeit Aufmerksamkeit, Schlaf und mentale Gesundheit verbessert, ist eigentlich keine Überraschung mehr. Die Überraschung ist, wie stark die Effekte offenbar ausfallen. Wir reden ernsthaft darüber, dass Selbst-Entzug gesünder macht. Und die Plattformen verdienen ihr Geld damit, dass Menschen nicht aufhören können. Individuelle Gegenwehr gegen ein System, das darauf ausgelegt ist, genau das zu verhindern? Ob das gelingen kann? Individuell ja, in der Breite sicher nicht.


Die vermietete Öffentlichkeit und der Daumen des Admins


Passend dazu beschreibt Gunnar Sohn auf ichsagmal.com die „vermietete Öffentlichkeit“. Die alte Medienfrage lautete demnach: Wer spricht? Die neue lautet: Wem gehört der Raum, in dem gesprochen wird? Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der ganze Verlust der digitalen Öffentlichkeit – vom versprochenen „Kaffeehaus auf Social Media“ hin zu Algorithmen, Aufmerksamkeitsökonomie, Hausordnungen, Zugriffszählern, Werbeauktionen und Moderationsnebel – oder gar keiner Moderation, weil das ja laut Trump und seinen Freunden Zensur ist.

Öffentlichkeit ist nicht offen, nicht neutral, sondern privatisiert auf Twitter/X, Meta, LinkedIn, aber auch Mastodon‑Instanzen. Aus Debatte wird Traffic, aus Bürgern wird Nutzungsverhalten, meint Gunnar, und moniert, dass aus Betreibern Hausmeister mit Generalschlüssel werden, die per AGB und Admin‑Interface entscheiden, was und wer sichtbar ist und wer nicht.

Ein wichtiger Unterschied fällt mir unter den Tisch: Bei den asozialen, algorithmischen chinesischen und US-amerikanischen Plattformen ist Moderation gar nicht gewollt. Im Fediverse und auf Mastodon wird zumindest moderiert, auch wenn es manchem nicht gefällt, wie und was moderiert wird. Und dezentrale Strukturen sorgen auf jeden Fall für mehr Vielfalt.

Der Kernaussage von Gunnar zu Medienpolitik und digitaler Öffentlichkeit stimme ich zu: Es reicht nicht, von der einen zur anderen Plattform zu wechseln. Entscheidend ist, eigene Räume und Ausgänge zu behalten – Blogs, Newsletter, eigene Websites – statt sich vollständig in vermieteten Öffentlichkeiten einzurichten.


„Das Internet stirbt“: Entmenschlichung vor und mit KI


An Gunnar anschließend: Das Internet, von dem wir in den Neunzigern und Nullerjahren geträumt haben, existiert nicht mehr. Nicht weil die Technik versagt hätte, sondern weil das Geschäftsmodell es aufgefressen hat, schreibt Carla Siepmann auf netzpolitik.org. KI ist dabei nicht der Auslöser, sondern der Beschleuniger — die Entmenschlichung sozialer Medien begann mit Engagement-Metriken, algorithmischer Aufmerksamkeitsjagd und dem Umbau von Kommunikation in Werbe-Inventar. KI setzt das jetzt in anderen Geschwindigkeiten fort.

Was bleibt, ist ein Feed, in dem echte menschliche Kommunikation kaum noch stattfindet. Ich schreibe seit über 17 Jahren Blog — und ich merke selbst, wie der Anteil authentischer Interaktion in sozialen Netzwerken abnimmt, während die schiere Menge an Inhalten zunimmt. Das Internet stirbt nicht an einem Herzinfarkt. Es stirbt daran, dass es systematisch optimiert und monetarisiert wurde, so dass nicht viel Menschliches mehr übrig ist. Klick as klick can, scroll as scroll can.


Zuckerberg im Doppelpack: Der KI‑Avatar als Chef‑Double


Apropos Entmenschlichung: Meta entwickelt laut manager magazin einen fotorealistischen KI-Avatar von Mark Zuckerberg — trainiert auf seine Stimme, seine Formulierungen, seine öffentlich geäußerten Strategien. Er soll als digitaler Zwilling intern mit Mitarbeitenden kommunizieren. Mark hat ja schließlich nicht für alle Zeit und die Mitarbeitenden gehören eingenordet.

Das ist mehr als ein Effizienz-Experiment. Es ist die konsequente Verlängerung einer Plattformlogik, die Kommunikation schon lange von Verantwortung entkoppelt. Zuckerberg kann nicht überall sein — sein Avatar schon. Ob der digitale Zwilling richtig oder falsch liegt, falsch entscheidet oder falsch wirkt: Who cares? Das Zuckerberg-Double ist nicht das Ende dieser Logik, sondern erst ihr Anfang. Konzernchefs heute, Influencer morgen, Politiker übermorgen.

Der von Gunnar postulierte Hausmeister Krause ist bald ein digitaler Zwilling, ein KI-gesteuerter Hausmeister. Von Alles für den Dackel, alles für den Club zu Alles für die Klickraten, alles für die Werbeeinnahmen von Zuckerberg und Konsorten. Und das voll automatisiert, agentisch.


Nachtrag zum #60Sekunden‑Projekt: Was bleibt?


Damit sind wir wieder beim #60Sekunden‑Projekt: Der Versuch, in genau diesen durch den Algorithmus gesteuerten Feeds – TikTok, Insta, YouTube – digitale Themen, Demokratie‑Fragen und Medienkritik in 60 Sekunden unterzubringen. Inhaltlich habe ich viel gelernt: Welche Themen funktionieren, wie stark man zuspitzen muss, wie sich Blog‑Texte in Videoform übersetzen lassen und wie unterschiedlich die Plattformen auf denselben Inhalt reagieren. Jetzt steht das Projekt vorerst still.

Vielleicht ist genau das die kuratierte Botschaft dieser Folge: Wer heute junge Menschen erreichen will, muss durch Plattformen navigieren, die gleichzeitig problematisch, gesundheitlich belastend, politisch umkämpft und zunehmend automatisiert sind – und deren Tools einen immer höheren Preis verlangen. Die Frage ist nicht, ob wir dort präsent sein sollten, sondern wie lange wir es uns leisten können: ökonomisch, gesundheitlich und demokratisch.

Good to know: Wie ich mit CapCut gearbeitet habe


Mein Workflow in CapCut war im Kern simpel, aber für mich entscheidend: Erst entstand ein Voice-over-Text — meistens aus einem Blogbeitrag oder einer #9vor9-Folge heraus, von einer KI auf 60 Sekunden zugespitzt. Den fertigen Text habe ich dann in CapCuts Funktion „mit KI erstellen“ eingefügt, Format 9:16 gewählt, Länge rund 60 Sekunden, Stil „Black&White Comic“ oder „Noir Comic“ in Schwarz-Weiß, dazu eine passende deutsche KI-Stimme. CapCut hat daraus automatisch ein Kurzvideo gebaut — Text, generierte Szenen, Voice-over. Danach bin ich noch einmal durch, habe offensichtliche Fehler korrigiert, einzelne Szenen angepasst, und fertig.

Genau diese Automatisierung war der Grund, warum das Projekt für mich überhaupt machbar war. Ohne diesen Grad an KI-Unterstützung wäre der Zeitaufwand für regelmäßige Kurzvideos nicht zu stemmen — nicht neben Blog, Podcast und Job. Dass das Experiment jetzt ausgerechnet am Preis von CapCut scheitert, hat eine gewisse Ironie: Die Plattformökonomie, über die ich in meinen Videos geredet habe, hat mich selbst eingeholt.


Quellen (Auswahl)



#60Sekunden #Bloggen #CapCut #DigitalDetox #Facebook #Fediverse #Instagram #Internet #Journalismus #Jugendschutz #KI #Kuratiert #LinkedIn #Mastodon #Meta #PlattformÖkonomie #Smartphone #SocialMedia #TikTok #Video #YouTube #Zuckerberg


Die vermietete Öffentlichkeit und der Daumen des Admins: TwitterX, Meta, Microsoft/LinkedIn, Mastodon und die Illusion der unschuldigen Plattform

Der Marktplatz hat einen Eigentümer bekommen


Die alte Medienfrage lautete: Wer spricht? Die neue lautet: Wem gehört der Raum, in dem gesprochen wird? Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der ganze Verlust der digitalen Öffentlichkeit. Man hatte uns ein Netz versprochen, ein Gemeinsames, ein elektrisches Kaffeehaus mit Weltanschluss. Erhalten haben wir Hausordnungen, Zugriffszähler, Werbeauktionen, Moderationsnebel und Eigentümer, die mit einem Fingerschnippen die Akustik ändern.

TwitterX ist dafür der grellste Fall. Man kann diesen Ort nicht mehr Plattform nennen, ohne an eine Bühne zu denken, deren Bretter der Besitzer während der Vorstellung austauscht. Einst galt Twitter als Nervensystem der Gegenwart, als Ort für Journalisten, Aktivisten, Wissenschaftler, Politiker und jene Zwischenwesen, die in Deutschland lange „Netzgemeinde“ hießen. Heute wirkt X wie eine Alarmanlage, die nicht mehr zwischen Einbruch, Kaminfeuer und Besitzerlaune unterscheiden kann.

Der blaue Haken, früher ein kleines Zeichen der Identifizierbarkeit, wurde zum Orden für zahlende Selbstdarsteller. Verifikation mutierte zur Maskerade. Ein Ausweis wurde zum Partyhütchen. Die Europäische Kommission verhängte im Dezember 2025 gegen X eine Geldbuße von 120 Millionen Euro wegen Verstößen gegen Transparenzpflichten des Digital Services Act; beanstandet wurden unter anderem die irreführende Gestaltung der blauen Haken, Mängel im Werbearchiv und ein erschwerter Datenzugang für Forschende.

Der entscheidende Vorgang liegt tiefer. TwitterX zeigt, was geschieht, wenn Öffentlichkeit nicht als Institution, nicht als Infrastruktur, nicht als demokratische Zumutung gedacht wird, vielmehr als Privatbesitz. Dann wird aus Streit ein Inventarposten. Aus Debatte wird Traffic. Aus dem Bürger wird Nutzungsverhalten. Und aus dem Eigentümer wird ein absoluter Monarch mit Meme-Kompetenz.

Meta baut das Einkaufszentrum der Gefühle


Meta hat diesen Wandel zivilisierter verpackt. Facebook und Instagram riechen nicht nach Barrikade, eher nach Einkaufszentrum mit Familienalbum. Man trifft dort die Tante, den Verein, den Friseur, die Lokalpolitik, die alte Schulfreundin und ein Fitnessstudio, das einen seit neun Jahren verfolgt. Meta ist nicht laut im Sinne von X. Es bindet durch Erinnerung, Bequemlichkeit, Gewohnheit und soziale Erpressung. Wer geht, verliert scheinbar Kontakte. Wer bleibt, zahlt mit Aufmerksamkeit, Daten, Ausdrucksformen, Zeit.

Die raffinierte Leistung dieses Konzerns besteht darin, Öffentlichkeit in private Komfortzonen aufzuspalten. Jeder erhält sein kleines Wohnzimmer, kuratiert vom Konzern. Man glaubt, bei sich zu sein, während man längst in einer Versuchsanordnung sitzt. Die Chronik der Freunde, die Ferienbilder, der empörte Kommentar, der Reels-Strudel, die Trauerbekundung, der Glückwunsch zum Geburtstag: alles wird Teil einer Verwertungslandschaft, die Empfindungen nicht zerstört, sie gewinnbringend sortiert.

Nun kommt die Künstliche Intelligenz hinzu. Der alte Plattformvertrag lautete: Du gibst uns Inhalte, wir geben dir Reichweite. Der neue lautet: Du gibst uns die Sprache deiner Lebenswelt, wir bauen daraus Systeme, die künftig so tun, als bräuchten sie dich weniger. Meta kündigte 2025 an, öffentliche Inhalte erwachsener Nutzer in der EU, etwa öffentliche Beiträge und Kommentare, sowie Interaktionen mit Meta AI zum Training eigener KI-Modelle zu verwenden. Das klingt nach Fortschritt. Es ist zugleich eine feine Form digitaler Erbfolge: Erst schreibt die Welt freiwillig mit, dann trainiert der Konzern aus dieser Welt seine Produkte, danach verkauft er die automatisierte Nachahmung als Dienstleistung zurück.

LinkedIn ist das Assessment-Center mit Kommentarfunktion


Microsoft und LinkedIn verdienen eine eigene Abteilung im Kabinett der Plattformkomik. LinkedIn ist das soziale Netzwerk für Menschen, die sogar ihre Niederlagen in Personalabteilungssprache vortragen. Dort heißt eine Kündigung „neues Kapitel“, Überarbeitung „Purpose“, Selbstvermarktung „Thought Leadership“ und jedes halbwegs normale Gespräch „wertvoller Austausch“. Wer dort länger liest, bekommt den Eindruck, die Menschheit sei nicht erschaffen worden, um zu leben, zu lieben, zu irren oder zu denken, vielmehr um Zertifikate zu erwerben und mit sanftem Lächeln Transformationen zu begleiten.

Das Tragische an LinkedIn ist seine unfreiwillige Wahrhaftigkeit. Nirgends zeigt sich der neue Kapitalismus so ungeschminkt wie dort, wo alle so tun, als seien sie ganz bei sich. Die Sprache der Bewerbung hat das Privatleben kolonisiert. Menschen schreiben über ihr Scheitern wie über eine Quartalspräsentation. Sie bedanken sich bei Teams, die sie hinauskomplimentiert haben. Sie feiern Chefs, deren Haupttalent darin besteht, Kostenstellen in „Chancenräume“ umzubenennen. LinkedIn ist ein globaler Empfangsraum mit Teppichboden, in dem jeder wartet, bis ein Algorithmus ihn kurz aufruft.

Microsoft kaufte LinkedIn 2016 für 26,2 Milliarden Dollar. Damit erwarb der Konzern nicht bloß ein berufliches Netzwerk. Er erwarb die wohl größte Selbstauskunftsbühne der arbeitenden Welt: Lebensläufe, Karrieresprünge, Branchenkontakte, öffentliche Beiträge, Fachvokabeln, Rangordnungen, Zugehörigkeiten. Früher hätte man Dystopien darüber geschrieben. Heute nennt man es Premium-Funktion.

Seit November 2025 kann LinkedIn in bestimmten Regionen Mitgliederdaten zum Training generativer Inhaltsmodelle nutzen; dazu zählen nach LinkedIns Hilfeangaben Profilinformationen und öffentliche Inhalte, private Nachrichten werden ausgenommen. Der Witz liegt in der Höflichkeit der Formulierung. LinkedIn klingt nie wie ein Konzern, der zugreift. LinkedIn klingt wie ein Coach, der einem zur besseren Ausschlachtbarkeit gratuliert.

Der Copilot sitzt nicht nur nebenan


Microsoft fügt diesem Schauspiel die Aura des Betriebssystems hinzu. Der Konzern, der einst den Schreibtisch eroberte, greift nun nach dem beruflichen Selbstbild. Copilot heißt diese Gegenwart gern, als säße da ein freundlicher Nebensitzender, der beim Navigieren hilft. Tatsächlich wächst ein neuer Typ von Arbeitsumgebung heran, in der Schreiben, Suchen, Erinnern, Bewerten, Planen und Präsentieren immer enger mit den Auswertungslogiken der Anbieter verbunden werden. Der Angestellte denkt, er benutze ein Werkzeug. Das Werkzeug protokolliert, klassifiziert, assistiert, empfiehlt und gewöhnt ihn an seine eigene Ersetzbarkeit.

Besonders anschaulich wurde diese Entwicklung bei Microsoft Recall. Microsoft beschreibt Recall als Funktion auf Copilot+-PCs, die Bildschirminhalte lokal verarbeitet und als Momentaufnahmen auf dem Gerät speichert; Nutzer können Speichern deaktivieren, pausieren, Apps und Websites filtern und Momentaufnahmen löschen. Dass Signal 2025 unter Windows eine standardmäßig aktivierte Schutzfunktion gegen Bildschirmaufnahmen einführte und diese ausdrücklich mit Microsoft Recall begründete, ist eine der feinsten Miniaturen des digitalen Zeitalters: Eine Datenschutz-App muss dem Betriebssystem die Augen verbinden, weil der Hausherr ein fotografisches Gedächtnis entdeckt hat.

Die Gratisarbeiter der digitalen Republik


Paul Masons Gedanke, Informationstechnologie könne mit einer in erster Linie von Marktkräften regulierten Wirtschaft womöglich nicht verträglich sein, trifft einen empfindlichen Nerv. Die Plattformökonomie hat eine Leistung vollbracht, von der frühere Industrielle nur träumen konnten: Sie hat Arbeit so umetikettiert, dass sie nicht mehr wie Arbeit aussieht. Posten, Liken, Kommentieren, Melden, Bewerten, Markieren, Empfehlen, Erklären, Korrigieren, Übersetzen, Moderieren, Trainieren: Alles Tätigkeiten, alles Wertschöpfung, alles meist unbezahlt.

Man nannte das Partizipation. Das war der große rhetorische Coup. Das alte Fließband brauchte Lohn. Das neue braucht Begeisterung. Wer schreibt, liefert Material. Wer streitet, liefert Bindung. Wer sich empört, liefert Frequenz. Wer sich vernetzt, liefert Graphen. Wer kündigt, bleibt als Datensatz. Wer geht, hinterlässt Muster.

Das Silicon-Valley-Märchen von der rebellischen Garagenkultur war nie bloß Folklore. Es war ein Geschäftsmodell im Kapuzenpullover. Man versprach Ausstieg aus den alten Hierarchien und erzeugte neue. Man versprach Freiheit und erfand Abhängigkeiten mit besserem Interface. Man verhöhnte Bürokratien und baute Governance-Strukturen, gegen die manche Ministerialverwaltung wie ein basisdemokratischer Jugendclub wirkt.

Open Source öffnet den Code, nicht die Macht


An dieser Stelle beginnt die bequemste Ausrede der digitalen Gegenwelt. Sie lautet: Dann eben Mastodon. Dann eben Open Source. Dann eben Fediverse. Das ist verständlich, oft ehrenwert, gelegentlich notwendig. Es ist nur keine Erlösung.

Open Source ist keine Tugendmaschine. Freie Software verhindert nicht den Missbrauch einer Software. Sie verhindert im besten Fall die geheime Aneignung des Codes. Die Affero General Public License kann Betreiber nicht zu Liberalität, Gemeinwohl oder demokratischer Kultur zwingen. Sie kann sie vor allem zur Offenlegung bestimmter Änderungen verpflichten. Die Software Freedom Conservancy erklärte im Fall Truth Social, die AGPL behandle alle gleich, auch Akteure, deren Werte man nicht teile; sie müssten nur nach denselben Copyleft-Regeln handeln.

Das ist die bittere Reifeprüfung des freien Codes. Wer Freiheit technisch ernst nimmt, kann sich seine Nutzer nicht aussuchen. Wer eine offene Lizenz wählt, gibt nicht bloß Verbündeten ein Werkzeug in die Hand. Er gibt es auch Gegnern, Opportunisten, Propagandisten und politischen Geschäftsleuten. Die Freiheit des Codes ist gerade da am radikalsten, wo sie den moralischen Komfort ihrer Urheber beleidigt.

Truth Social, die freie Software im goldenen Käfig


Truth Social ist dafür der sauberste Fall. Mastodon erklärte 2021, Trumps damals neue Plattform nutze Mastodon-Quellcode mit visuellen Anpassungen; zunächst habe Truth Social weder formal auf Mastodon verwiesen noch den Quellcode zugänglich gemacht, obwohl die AGPL bei solchen Netzwerkdiensten Offenlegung verlangt. Nach öffentlichem Druck wurde ein Open-Source-Bereich ergänzt.

Daraus folgt keine kleine Fußnote, daraus folgt eine medienpolitische Lektion. Freie Software kann die Lizenzverletzung angreifen, nicht die politische Verwandlung ihrer Werkzeuge. Sie kann sagen: Zeig den Code. Sie kann nicht sagen: Verwende den Code nur für anständige Zwecke.

Noch deutlicher war der Fall Gab. Mastodon schrieb 2019, Gab habe den eigenen Code aufgegeben und sei auf frei verfügbare Mastodon-Software gewechselt, auch um Sperren durch Google und Apple zu umgehen, weil Mastodons clientseitige API bestehende Mastodon-Apps als Zugang hätte nutzbar machen können. Eine Architektur, die als Ausbruch aus Big Tech gedacht war, konnte von einem rechten Netzwerk als Umgehungsinstrument gegen Big-Tech-Sanktionen eingesetzt werden. Das ist kein Randfall. Das ist der Preis universeller Nutzbarkeit.

Truth Social treibt diese Lektion ins Groteske. Aus freier Software wurde eine Loyalitätsbühne. Aus offenem Code wurde ein politischer Andachtsraum mit Börsenticker. Die Muttergesellschaft Trump Media prüfte 2026 laut Reuters sogar, Truth Social als eigenes börsennotiertes Unternehmen abzuspalten; zugleich meldete sie für 2025 einen Nettoverlust von 712,3 Millionen Dollar bei sehr überschaubarem Umsatz. Früher baute man Medien, um Öffentlichkeit zu erreichen. Heute kann die Behauptung von Öffentlichkeit genügen, um Finanzarchitektur zu errichten.

Mastodon ist kein Lamm


Mastodon ist damit nicht erledigt. Im Gegenteil. Gerade wer Mastodon verteidigen will, muss die Romantik abräumen. Das Mammut ist kein Lamm. Es frisst keine Daten wie Meta, es brüllt nicht wie X, es lächelt nicht wie LinkedIn im Kostüm des Personalwesens. Aber es besitzt seine eigene Form von Macht. Sie ist kleiner, verteilter, oft ehrenamtlich, manchmal fürsorglich, manchmal streng, gelegentlich dünnhäutig. Der Irrtum beginnt dort, wo Dezentralität mit Demokratie verwechselt wird.

Ein Fediverse-Server ist kein Parlament. Er ist ein Haus mit Betreiber, Hausordnung, Datenbank, Tür und Schlüssel. Der Betreiber kann seriös handeln, transparent moderieren, Einsprüche ermöglichen, Angriffe abwehren. Er kann auch eitel, überfordert, ideologisch, nachtragend oder schlicht schlecht organisiert sein. Die Macht ist nicht verschwunden. Sie ist nur umgezogen.

Die offizielle Mastodon-Dokumentation beschreibt klar, dass Moderation lokal wirkt. Ein Administrator kann Nutzer anderer Server nicht global löschen, aber lokale Kopien und Sichtbarkeit auf dem eigenen Server kontrollieren. Moderationsmaßnahmen reichen von Verwarnungen über Begrenzungen und Einfrieren bis zur Suspendierung; bei letzterer verschwindet ein Konto öffentlich von der jeweiligen Instanz, und Daten können nach Fristablauf endgültig entfernt werden.

Noch gewichtiger ist die Macht über ganze Server. Mastodon erlaubt Domain-Blocks gegen komplette Instanzen. Die Dokumentation nennt verschiedene Schweregrade, darunter Medien ablehnen, Server begrenzen und Server suspendieren. Bei einer Server-Suspendierung werden Verbindungen zu Konten des gesperrten Servers gekappt; sie entstehen bei späterer Freigabe nicht automatisch neu. Die Mastodon-API-Dokumentation beschreibt entsprechende Verwaltungsfunktionen, mit denen Domains vom Föderieren ausgeschlossen, geändert oder wieder entfernt werden können.

Das ist der Faktenkern der Caligula-Frage. Der Mastodon-Admin ist kein Weltkaiser. Aber er ist Hausherr seiner Instanz. Er kann nicht über Rom richten, doch über seine Stadtmauer. Daumen hoch: Du föderierst. Daumen runter: Deine Instanz verschwindet aus diesem lokalen Blickfeld.

Der AGB-Hausmeister hat einen Generalschlüssel


Die AGB-Hausmeisterei des Fediverse verdient mehr Aufmerksamkeit, weil sie sich oft im Ton moralischer Notwehr kleidet. Sehr häufig geht es tatsächlich um Schutz: gegen Spam, Hetze, Belästigung, organisierte Angriffe, rechtsradikale Netzwerke, Pornobots, Betrug. Ohne Moderation wird aus Föderation schnell eine offene Kanalisation. Aber eine notwendige Macht bleibt Macht. Aus einem guten Grund entsteht noch keine herrschaftsfreie Struktur.

Die lokale Instanz kann sich als Zufluchtsort verstehen, als Club, als publizistisches Biotop, als politisches Projekt, als Nachbarschaft, als technische Spielwiese. Damit erhält der Betreiber eine Macht, die klassische Plattformkritik gern übersieht: Er kontrolliert nicht die ganze Welt, aber er kontrolliert die lokale Wirklichkeit. Wer sichtbar ist, wer als Risiko gilt, welche Instanzen als kontaminiert gelten, welche Konflikte als Belästigung gewertet werden, welche Schärfe als legitim durchgeht, welche Ironie als Angriff gilt: All das wird nicht im Himmel der Dezentralität entschieden. Es wird in Admin-Interfaces, Chatkanälen, Moderationslisten und manchmal im Bauchgefühl weniger Personen entschieden.

Darum ist Mastodon nicht die Abschaffung der Plattformmacht. Mastodon ist ihre Verkleinerung, ihre Verteilung, ihre partielle Rückholbarkeit. Das ist ein Fortschritt. Aber kein Freispruch.

Private Nachrichten sind keine Beichtstühle


Auch der Datenschutzmythos verdient Korrektur. Mastodon ist kein sicherer Messenger. Die offizielle Dokumentation warnt davor, gefährliche oder sensible Informationen über private Erwähnungen zu teilen. Mastodon sei keine verschlüsselte Messenger-App wie Signal oder Matrix; Datenbankadministratoren der beteiligten Server könnten Zugriff auf den Text erhalten. Die Netzwerkdokumentation erklärt zudem, dass private Erwähnungen technisch Beiträge mit Sichtbarkeit „mention only“ sind.

Dass Mastodon 2026 Fördermittel für neue Funktionen einschließlich Ende-zu-Ende-verschlüsselter privater Nachrichten erhielt, unterstreicht den Punkt: Diese Schutzform ist Entwicklungsziel, kein gegenwärtiger Normalzustand. Mastodon selbst nennt einen Arbeitsbeginn Ende 2026 und eine Umsetzung bis Ende des zweiten Quartals 2027.

Das ist kein Argument gegen Mastodon. Es ist ein Argument gegen falsche Heiligsprechung. Wer Konzernen misstraut, sollte kleinen Betreibern nicht blind vertrauen. Nähe ist keine Garantie. Ehrenamt ist keine Kryptographie. Sympathie ersetzt keine Rechte.

Metas freundliche Umarmung des offenen Netzes


Die nächste Gefahr für Mastodon kommt nicht nur von rechten Forks oder übereifrigen Instanzhütern. Sie kommt von Meta. Threads nähert sich dem Fediverse an. Meta führte 2025 eine Suche nach Fediverse-Profilen und einen eigenen Fediverse-Feed in Threads ein, sofern Nutzer Fediverse-Sharing aktiviert haben.

Das klingt auf den ersten Blick wie eine späte Anerkennung offener Protokolle. Auf den zweiten Blick ist es eine strategische Umarmung. Meta muss das offene Netz nicht frontal bekämpfen. Es kann an ihm andocken, seine Inhalte bequemer auffindbar machen und den Zugang über eine Konzern-App normalisieren. Der Konzern frisst nicht zwingend den ganzen Fediverse-Garten. Es reicht, wenn er das größte Tor baut.

Damit verschiebt sich die medienpolitische Frage. Nicht allein: Welche Plattform ersetzt TwitterX? Viel wichtiger: Wer kontrolliert die Übergänge zwischen den Welten? Wer bestimmt, wie offene Inhalte in Konzernumgebungen erscheinen? Wer profitiert, wenn föderierte Kommunikation durch die bequemste App wahrgenommen wird? Meta könnte das Fediverse domestizieren, indem es es benutzbar macht.

Die Tyrannei kommt im Tonfall der Verbesserung


Das Tückische der neuen Macht ist ihr Tonfall. Sie kommt selten mit Stiefeln. Sie kommt mit Nutzungsbedingungen. Sie kommt mit „Verbesserungen“. Sie kommt als Update, als neue Funktion, als Beta, als Assistent, als Creator-Programm, als Sicherheitsmaßnahme, als Komfortversprechen. Sie fragt nicht: Darf ich deine Öffentlichkeit privatisieren? Sie fragt: Möchtest du relevantere Inhalte sehen?

Die Sprache dieser Systeme ist ein Weichmacher. Aus Kontrolle wird Personalisierung. Aus Überwachung wird Sicherheit. Aus Abhängigkeit wird Ökosystem. Aus Monopolnähe wird nahtlose Integration. Aus Datenhunger wird Innovation. Aus Entlohnung wird Sichtbarkeit. Aus Macht wird Governance. Aus Willkür wird Produktentscheidung.

So entsteht eine neue politische Lage. Die großen Plattformen sind keine Medienhäuser im klassischen Sinn, keine neutralen Leitungen, keine öffentlichen Plätze. Sie sind Mischwesen aus Verlag, Marktplatz, Meldeamt, Werbebörse, Archiv, Casino, Fernsehstudio, Personalberater und Verhaltenslabor. Ihre Macht liegt nicht allein in dem, was sie zeigen. Sie liegt in dem, was sie wahrscheinlich machen. Sie entscheiden nicht bloß über Reichweite. Sie prägen Erwartung. Sie verändern den Stil des Denkens.

Europa reguliert die Hausherren


Die europäische Regulierung versucht, diese Macht einzufangen. Der Digital Services Act klassifiziert Plattformen und Suchmaschinen mit mehr als 45 Millionen monatlichen Nutzern in der EU als sehr große Online-Plattformen oder sehr große Online-Suchmaschinen und unterwirft sie strengeren Pflichten. Das ist keine juristische Fußnote. Es ist der Versuch, privatisierte Öffentlichkeiten wieder politisch lesbar zu machen.

Doch Regulierung bleibt langsamer als Gewöhnung. Bis ein Gesetz greift, haben Millionen Menschen bereits gelernt, ihre Sätze kürzer, schriller, gefälliger oder karrieretauglicher zu schreiben. Bis ein Verfahren abgeschlossen ist, hat ein Konzern seine Oberfläche dreimal verändert. Bis ein Bußgeld gezahlt ist, hat sich die nächste Abhängigkeit als Bequemlichkeit verkleidet.

Deshalb darf Medienpolitik nicht nur auf Sanktionen hoffen. Sie muss über Eigentum, Interoperabilität, Datenportabilität, offene Standards, gemeinnützige Infrastrukturen und digitale Grundversorgung sprechen. Wer Demokratie ernst nimmt, kann ihre Gesprächsräume nicht dauerhaft den Launen börsennotierter Konzerne, einzelner Milliardäre oder lokaler Mini-Souveräne überlassen.

Bleiben, ohne sich einzurichten


Wo also aktiv bleiben? Die Antwort verlangt weniger Moralpose als Nüchternheit. X kann für Recherche, Echtzeitbeobachtung, politische Milieus und publizistische Reibung noch nützlich sein. Aber man betritt diesen Ort besser wie einen Bahnhof nach Mitternacht: wach, kurz angebunden, ohne Gepäckablage.

Meta bleibt für lokale Gruppen, Kultur, Vereine, Familiennetze und visuelle Öffentlichkeit relevant. Doch niemand sollte Facebook oder Instagram mit einem Archiv, einer Heimat oder gar einem demokratischen Forum verwechseln. LinkedIn ist beruflich kaum zu ignorieren, doch man sollte dort nie länger in der Sprache der Plattform sprechen, als zur Vermeidung beruflicher Nachteile nötig ist.

Mastodon verdient Nutzung, Kritik und Pflege zugleich. Dort ist Macht eher ausweichbar. Man kann Instanzen wechseln, eigene Server betreiben, lokale Regeln vergleichen, Blockentscheidungen öffentlich debattieren. Aber auch der Umzug kostet Reputation, Kontakte, Auffindbarkeit und Nerven. Wer im Fediverse lebt, lebt freier als im Konzernkäfig, aber nicht außerhalb von Herrschaft.

Die eigentliche Regel lautet: Nirgends wohnen. Überall arbeiten, werben, beobachten, stören, verlinken, abholen. Das eigene Zentrum muss außerhalb liegen: eigene Website, eigener Newsletter, eigenes Archiv, Podcast, RSS, offene Protokolle, föderierte Dienste, Suchbarkeit jenseits der Plattformlaune. Wer seine Texte, Kontakte und Gedanken vollständig in fremde Systeme einsperrt, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann der Vermieter die Schlösser tauscht.

Die Öffentlichkeit braucht wieder Ausgänge


Der Kampf um das Internet ist kein nostalgisches Gefecht zwischen alten Bloggern und neuen Influencern. Es ist ein Konflikt um die Frage, ob gesellschaftliche Verständigung eine Nebenwirkung privater Geschäftsmodelle bleiben darf. Die Plattformen haben uns nicht zum Schweigen gebracht. Das wäre plump gewesen. Sie haben uns sprechen lassen, unablässig, messbar, sortierbar, verwertbar. Genau darin liegt ihre historische Raffinesse.

Man kann diese Orte nutzen. Man muss sie sogar kennen. Aber man darf ihnen nicht glauben, wenn sie sich als Welt ausgeben. Eine Timeline ist keine Zeit. Ein Feed ist keine Nahrung. Ein Netzwerk ist keine Gesellschaft. Ein Profil ist keine Person. Ein blauer Haken ist kein Ausweis. Ein Copilot ist kein Freund. Ein Open-Source-Server ist kein Paradies. Ein Admin ist kein Verfassungsgericht.

Die digitale Öffentlichkeit lässt sich nicht retten, wenn alle verschwinden. Sie lässt sich aber auch nicht retten, wenn alle überall mitmachen. Entscheidend ist, dass Nutzer, Autoren, Journalisten, Wissenschaftler, Unternehmen und Institutionen ihre Sichtbarkeit nicht mit Freiheit verwechseln. Plattformen können nützlich sein, aber sie dürfen nicht zum einzigen Ort werden, an dem Texte, Kontakte und Debatten stattfinden. Wer sie nutzt, sollte zugleich eigene Wege offenhalten: eine Website, einen Newsletter, ein Archiv, unabhängige Kanäle, einen Blog wie ichsagmal.com. Das ist keine Unhöflichkeit gegenüber den Plattformen. Es ist Selbstschutz.

Nachtrag:

social.cologne/deck/@kingconsu…

@frebelt stimmt zu: „Die dezentralen, souveränen und fairen Netzwerke sind keine Alternativen zu den zentral gesteuerten Trackingplattformen #X #Instagram #Facebook und Co. – sie sind die einzige Option für demokratische, inhaltszentrierte und unabhängige öffentliche Kommunikation.“

So viel Framing und Behauptung in einem Satz liest man selten.

„Dezentral“, „souverän“ und „fair“ sind keine Eigenschaften, die automatisch aus einem Protokoll fallen. Auch dezentrale Netzwerke haben Machtzentren: Serverbetreiber, Admins, Moderationsregeln, Blocklisten, informelle Zirkel, technische Gatekeeper. Wer über Föderation, Sichtbarkeit und Ausschluss entscheidet, übt Macht aus.

Das macht Mastodon, Fediverse und Open Source nicht wertlos. Im Gegenteil: Sie können bessere, offenere und weniger abhängig machende Strukturen ermöglichen. Aber sie sind nicht per se demokratisch, inhaltszentriert oder unabhängig. Sie müssen es durch transparente Regeln, überprüfbare Verfahren, faire Moderation, Portabilität und echte Ausweichmöglichkeiten erst beweisen.

Heinz von Foersters Satz passt hier ziemlich gut: „Handle stets so, dass die Zahl Deiner Möglichkeiten wächst.“ Von Lutz Becker geklaut.

Genau darum geht es. Nicht darum, eine Plattformreligion durch die nächste zu ersetzen. Wer von X, Instagram oder Facebook weg will, sollte nicht im nächsten digitalen Gehege landen. Demokratische Kommunikation braucht mehr Möglichkeiten, nicht neue Gewissheiten.

Die Alternative zu den zentralen Trackingplattformen ist deshalb nicht digitale Heiligsprechung. Die Alternative ist Machtkritik überall: bei Konzernen, bei Plattformen, bei Protokollen und auch bei den AGB-Hausmeistern kleiner Instanzen.

Ein Netzwerk ist nicht schon demokratisch, weil es dezentral ist. Es wird demokratischer, wenn Macht begrenzt, begründet, überprüfbar und verlassbar wird.

#Fediverse #Mastodon #OpenSource #Plattformmacht #Netzpolitik #DigitaleÖffentlichkeit #SocialMedia #Dezentralisierung #Demokratie #Moderation #X #Instagram #Facebook #HeinzVonFoerster

Der Marktplatz hat einen Eigentümer bekommen

Die alte Medienfrage lautete: Wer spricht? Die neue lautet: Wem gehört der Raum, in dem gesprochen wird? Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der ganze Verlust der digitalen Öffentlichkeit. Man hatte uns ein Netz versprochen, ein Gemeinsames, ein elektrisches Kaffeehaus mit Weltanschluss. Erhalten haben wir Hausordnungen, Zugriffszähler, […]
ichsagmal.com/die-vermietete-o… wp.me/p880Y-iRX #Demokratie #Dezentralisierung #Facebook #Fediverse #HeinzVonFoerster #Instagram #Mastodon #Moderation #Netzpolitik #OpenSource #Plattformmacht #SocialMedia #X



Bob Blume mit einer Kolumne über das Handy als vermeintliches Kulturzugangsgerät, lesenwert.

"Es ist wenig verwunderlich, dass die Debatte sich zunehmend um Suchtmechanismen, mentale Belastungen, Aufmerksamkeitseinbrüche und politische Forderungen nach Handyverboten dreht. #Schulen ringen mit dem Spannungsfeld zwischen pädagogischem Fortschritt und dem Schutz junger Menschen vor einem digitalen Ökosystem, das weit mehr kontrolliert, als es öffnet. Die Frage lautet heute nicht mehr, ob das Smartphone Zugang schafft – sondern: wer über diesen Zugang bestimmt."

"Verschiedene Studien zeigen, dass #Smartphones in ihrer aktuellen Form weder neutrale Werkzeuge noch einfache Zugänge zur #Kultur sind, sondern Teil einer #Plattformökonomie, die Aufmerksamkeit extrahiert und besonders Kinder und #Jugendliche in riskante Nutzungsmuster zieht. Algorithmische #Personalisierung, variable Belohnungen, endloser Scroll [...]"

#Kinder #Medien #Handyverbot #Medienkompetenz #FediEltern #FediLZ